Der Klang der tödlichen Eifersucht

Kultur / 31.07.2026 • 12:38 Uhr
Der Klang der tödlichen Eifersucht

Die Salzburger „Carmen“ überzeugt vor allem durch Asmik Grigorian, Jonathan Tetelman und Teodor Currentzis.

Salzburg Georges Bizets „Carmen“ gehört zu jenen Opern, deren melodischer Reichtum beinahe vergessen lässt, wie brutal ihre Geschichte endet. Gabriela Carrizo, Mitbegründerin der Tanztheaterkompanie Peeping Tom, rückt in ihrer Salzburger Inszenierung die seelischen Verwerfungen der Figuren ins Zentrum. Carrizo macht von der ersten Szene an deutlich, dass Carmens Tod kein isoliertes Verbrechen ist, sondern aus einem Klima von Unterdrückung und Gewalt erwächst. Dafür findet die argentinische Regisseurin eindringliche, mitunter schockierende Bilder – etwa jenes eines Jungen aus dem Kinderchor, der ein Gewehr auf andere Kinder richtet und diese scheinbar erschießt.

Der Klang der tödlichen Eifersucht

Die Choreografie erscheint jedoch oftmals überzeichnet und entwickelt stellenweise eine unfreiwillig komische Wirkung, die den ernsten und beklemmenden Szenen entgegensteht. Hinter den berühmten Melodien steht die Geschichte einer Frau, die über ihr Leben und ihre Liebe selbst bestimmen will und dafür von einem Mann getötet wird, der ihr Nein nicht akzeptiert – ein Femizid, dessen Gegenwärtigkeit erschreckt. Doch genau hier bremst die Regie: Wo sie ins Alberne kippt, verliert die Oper die Schärfe, die diese Geschichte heute hat.

Der Klang der tödlichen Eifersucht

Abgesehen davon ist Carrizos Inszenierung reich an Ideen und starken Bildern. Christof Hetzer siedelt das Geschehen in einer kargen, dunklen Felslandschaft mit Wasserstelle an. Der Raum wirkt archaisch und unwirtlich, als wäre er realer Schauplatz und innerer Abgrund in einem. Tom Vissers Licht lässt die Landschaft unablässig kippen. Besonders eindrucksvoll sind die großen Szenen mit Chor und Tänzern. Im vierten Akt, wenn Chor und Kinderchor ganz in Rot erscheinen und der Raum in bedrohliches Blutrot getaucht wird, verdichtet sich die Bildsprache zum unheilvollen Ritual.

Akt der Selbstbehauptung

Im Zentrum steht Asmik Grigorian als Carmen. Sie zeigt keine verführerische Projektionsfläche, sondern eine selbstbewusste Frau, deren Freiheit den Kern ihrer Existenz bildet. Die für Mezzosopran geschriebene Partie singt Grigorian mit den leuchtenden Höhen und der emotionalen Unbedingtheit ihrer Sopranstimme. In der Tiefe muss sie lyrischer disponieren, doch gerade daraus gewinnt ihre Carmen Verletzlichkeit. Stolz, Lust, Trotz und Todesahnung verbinden sich zu einem Porträt von großer Intensität.

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Ihr kongenialer Partner ist Jonathan Tetelman als Don José. Er zeichnet die Entwicklung vom zärtlich Liebenden zum kontrollierenden, rasend eifersüchtigen Mann eindringlich nach. Sein Tenor besitzt Kraft, Glanz und lyrische Geschmeidigkeit; zugleich lässt er spüren, wie aus Begehren Besitzanspruch und schließlich Gewalt wird. Kristina Mkhitaryan gibt Micaëla Wärme, Klarheit und stille Entschlossenheit, Davide Luciano überzeugt als Escamillo mit kraftvollem Ton und Bühnenpräsenz. Auch die Nebenpartien sind sorgfältig besetzt. Utopia Choir, Bachchor Salzburg sowie der Kinderchor der Salzburger Festspiele und des Landestheaters agieren hervorragend.

Der Klang der tödlichen Eifersucht

Aus dem Graben kommt ein Klang von enormer Spannkraft. Teodor Currentzis treibt das Utopia Orchestra, dessen Mitglieder über weite Strecken im Stehen spielen, zu scharfen Kontrasten, eruptiver Kraft und rhythmischer Beweglichkeit. Mitunter wirken die Extreme demonstrativ, doch sie passen zu einer Oper, in der Leidenschaft in Gewalt umschlägt.

Der Klang der tödlichen Eifersucht

So überzeugt diese Salzburger „Carmen” szenisch nicht durchgehend. Wo Carrizo aber auf die dunklen Triebkräfte der Figuren vertraut, entstehen verstörende, nachhallende Momente. Musikalisch bleibt kaum ein Wunsch offen: Grigorian, Tetelman, das Ensemble, die Chöre und das von Currentzis kompromisslos geführte Orchester machen den Abend zu einem aufwühlenden Musiktheater über Freiheit, Kontrolle und tödlich gekränktes Besitzdenken.