Bach als schwebender Kosmos

Ein stilles Ereignis bei den Festspielen: Bach als Dialog zwischen Klavier und Licht.
Bregenz Mit „Bach Nirvana“ haben die Bregenzer Festspiele in der Werkstattbühne einen Abend präsentiert, der Johann Sebastian Bachs Musik nicht mit Bildern erklärt, ihr keine Geschichte unterschiebt und sie auch nicht zum Anlass für dekorative Effekte nimmt. Vielmehr begegnen sich hier zwei künstlerische Handschriften mit großer Zurückhaltung: die kanadische Pianistin Angela Hewitt, seit Jahrzehnten eine der maßgeblichen Bach-Interpretinnen ihrer Generation, und der finnische Licht- und Medienkünstler Mikki Kunttu, dessen großformatige Projektionen der Musik Raum geben, ohne ihr die Aufmerksamkeit streitig zu machen.

Schon die Anlage des Programms verrät eine kluge Dramaturgie. Die Aria aus den „Goldberg-Variationen“ eröffnet den Abend, am Ende kehrt sie als Aria da Capo wieder, dazwischen entfaltet sich ein weiter Parcours durch Bachs Klavierwerk, von der Sinfonia in Es-Dur über Sätze aus den Englischen und Französischen Suiten und den Partiten bis zur c-Moll-Toccata, zur Chromatischen Fantasie und Fuge sowie zum frühen Capriccio „Über die Abreise des sehr geliebten Bruders“. Aus diesen Stücken entsteht ein innerer Bogen, der Bachs formale Strenge, seinen tänzerischen Impuls, seine Melancholie und seine beinahe improvisatorische Freiheit gleichermaßen erfahrbar macht.

Angela Hewitt spielt diesen Bach mit jener Mischung aus Klarheit, Eleganz und federnder Artikulation, die ihren Rang seit langem begründet. Nichts wirkt schwer, nichts akademisch, nichts demonstrativ. Selbst in den kontrapunktisch dichten Passagen bleibt jede Stimme durchsichtig geführt, während die Sarabanden eine Ruhe gewinnen, die nie in bloße Andacht kippt. Hewitts Spiel besitzt Präzision, aber ebenso Atem; ihre Phrasierung folgt dem natürlichen Fluss der Musik, ihre Dynamik ist fein abgestuft, ihre rhythmische Gestaltung von großer Wachheit. Besonders eindrucksvoll gerät die Chromatische Fantasie und Fuge, in der sie die dramatischen Spannungen des Werks kontrolliert aufbaut und doch Freiheit bewahrt.
Neue räumliche Dimensionen
Mikki Kunttu reagiert darauf mit einer Bildsprache, die sich der Illustration konsequent verweigert. Geometrische Formen, langsam wandernde Farbflächen, Wolken, Linien und Lichtfelder entwickeln sich über lange Zeiträume, oft beinahe unmerklich. Gerade diese Langsamkeit erweist sich als Stärke des Konzepts. Die Projektionen kommentieren nicht jeden musikalischen Impuls, sie folgen größeren Bögen und schaffen eine Atmosphäre, in der sich das Hören verändert. Die Werkstattbühne wird dabei zu einem offenen, beinahe schwerelosen Raum, in dem Klavier, Licht und Architektur eine ebenso konzentrierte wie poetische Einheit bilden. Entscheidend ist, dass Kunttus Gestaltung niemals zur Konkurrenz für Hewitt wird. Im Gegenteil: Sie schärft die Wahrnehmung für die pianistische Präsenz, für die Bewegung der Hände, für das Wechselspiel von Spannung und Ruhe. Gerade weil die Bilder abstrakt bleiben, eröffnen sie Assoziationen, ohne sie festzulegen. Das Publikum kann schauen, hören, sich verlieren und immer wieder zu Bach zurückkehren.
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So erweist sich „Bach Nirvana“ als eine der stillen, zugleich eindringlichen Produktionen der Bregenzer Festspiele. Angela Hewitt bestätigt ihre außergewöhnliche Nähe zu Bach mit einem souveränen, leuchtenden und ungemein fein gearbeiteten Spiel, während Mikki Kunttu eine Bühnenwelt schafft, die sich der Musik respektvoll annähert und ihr eine neue räumliche Dimension verleiht. Am Ende kehrt die Aria der „Goldberg-Variationen“ zurück, vertraut und doch verändert, als hätte man sie nach diesem Abend mit anderen Ohren gehört.