Unter Hochspannung

Deutschs „Intensity“ und Ravels „Daphnis et Chloé“ werden zu Höhepunkten des Orchesterkonzerts.
Bregenz Das dritte Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele wurde am Montagabend im Festspielhaus zu einer eindrucksvollen Demonstration orchestraler Gestaltungskraft. Die Wiener Symphoniker unter Petr Popelka meisterten höchste Anforderungen an Präzision, Beweglichkeit und klangliche Fantasie. Im Zentrum stand die österreichische Erstaufführung von Bernd Richard Deutschs „Intensity“.

Gleich zu Beginn entfalteten die Wiener Symphoniker in Ravels „Daphnis et Chloé“ ihre Kunst der Klangabstufung. Das Erwachen der Natur entwickelte sich aus feinsten Regungen, aus flirrenden Streichern, schimmernden Holzbläserfarben und einem kaum merklichen Anwachsen der Bewegung. Popelka ließ die Musik atmen und führte sie mit großer Übersicht. Die Steigerungen wirkten organisch, der Klang blieb transparent, selbst wenn Ravel den gesamten Orchesterapparat in Bewegung setzte. Wie geschmeidig die Gruppen ineinandergriffen, wie präzise die rhythmischen Verläufe gezeichnet waren und wie selbstverständlich sich die Farben wandelten, gehörte zu den stärksten Eindrücken des Abends. In der abschließenden „Danse générale“ verbanden sich federnde Beweglichkeit, kontrollierte Ekstase und orchestrale Brillanz zu einem mitreißenden Höhepunkt.
Konstellationen, Reibungen, Impulse
Anschließend erklang „Intensity“ in österreichischer Erstaufführung. Deutschs rund 18-minütiges Werk entwickelte von Beginn an eine enorme Sogkraft. Der Titel meint weit mehr als Lautstärke oder gesteigerte Energie. Der 1977 geborene Wiener Komponist entwirft Spannungszustände, in denen eruptive Bewegung und konzentrierte Versenkung zu einem zwingenden Verlauf finden. Schon in den ersten Takten zeigte sich Deutschs virtuoser Umgang mit dem Orchesterapparat. Holz und Blech, Schlagwerk, Harfe, Klavier, Celesta und Streicher verschmolzen nie zu einer undurchdringlichen Masse. Es entstanden immer neue Konstellationen, Reibungen, Impulse und überraschende Farbmischungen. Ein Trompetensignal zog sich wie ein roter Faden durch das Werk, kehrte verwandelt wieder und verlieh der strömenden Energie innere Ordnung. Popelka hielt die Schichten zusammen, ohne ihre nervöse Beweglichkeit zu glätten.

Besonders stark wirkte der Übergang vom kraftvollen Beginn in den kontemplativen Mittelteil. Die Musik zog sich nach innen, verlor jedoch keinen Augenblick an Spannung. Feinste Verschiebungen erhielten dasselbe Gewicht wie zuvor die vehementen Ausbrüche. Die Wiener Symphoniker machten kleinste Veränderungen mit hoher Konzentration und großer Wachheit hörbar. Intensität erschien als Spektrum zwischen nervöser Energie, leidenschaftlicher Verdichtung und stiller Sammlung. Im letzten Abschnitt bündelte Deutsch die Kräfte konsequent. Der rhythmische Impuls nahm zu, die orchestralen Schichten griffen enger ineinander, bis sich das Stück in einen nahezu ekstatischen Schluss steigerte. Die Wiener Symphoniker setzten diese Entwicklung mit Präzision, Kraft und leuchtender Farbigkeit um. „Intensity“ überzeugte durch formale Klarheit, klangliche Fantasie und einen außerordentlichen Sinn für musikalische Spannung.

Nach der Pause öffnete sich mit Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ noch einmal ein anderer Klangraum. Petr Popelka setzte weniger auf vordergründige Monumentalität als auf die charakteristische Eigenart der einzelnen Bilder, auf scharfe Kontraste, prägnante Rhythmen und jene orchestrale Farbenfülle, die das Werk in Ravels Instrumentierung zu einem Prüfstein für jedes große Orchester macht. So schloss sich zugleich der Bogen eines Abends, der von Deutschs hochgespannter Gegenwartsmusik über Ravels schillernde Klangkunst bis zu Mussorgskis imaginärer Bilderwelt führte.