Jeder der Augen im Kopf hat

Eine Monografie versammelt Martin Assigs ernste, rätselhafte und von schwarzem Humor durchzogene Tuschezeichnungen.
München Martin Assigs Monografie „Jeder der Augen im Kopf hat“ zeigt, wie weit sich eine Welt tragen lässt, die beinahe ganz auf Farbe verzichtet. Der Band versammelt 115 Blätter aus dem mehr als 240 Arbeiten umfassenden Zyklus der „Schwarzen Tuschen“ und macht daraus keinen düsteren Bilderreigen, sondern eine konzentrierte Erkundung des Menschseins. Zwischen tiefem Schwarz und zartestem Grau entstehen Körper, Köpfe, Organe, Kleider, Liniengeflechte und Zeichen, die vertraut und rätselhaft wirken.
Assig nennt die Arbeiten, in Anlehnung an Johannes Brahms’ „Vier ernste Gesänge“, seine „Ernsten Zeichnungen“. Das ist programmatisch, aber nicht vollständig. Denn so sehr Trauer, Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Tod in diesen Blättern mitschwingen, so entschieden widersetzt sich der Künstler jeder feierlichen Schwermut. Schwarzer Humor bricht in die Bilder ein. Lakonische Wörter und kurze Sätze wirken wie Gedankenfetzen oder kleine Störungen. Sie erklären das Dargestellte nicht, sondern machen es noch offener. Mitunter erinnern die Blätter an Comics, dann wieder an politische Karikaturen, anatomische Schaubilder, religiöse Ikonen oder die schwarzen Zeichnungen Franz Kafkas.
Erinnerung, Angst, Sehnsucht
Gerade in diesem Schwebezustand liegt die Stärke des Bandes. Assig erzählt keine Geschichten im herkömmlichen Sinn, doch jedes Blatt besitzt eine innere Dramaturgie. Ein Körper wird zur Hülle, eine Linie zur Nervenbahn, ein Wort zur Wunde. Das Sichtbare scheint stets auf etwas Unsichtbares zu verweisen: auf Erinnerung, Angst, Sehnsucht oder Empfindungen, die sich der Sprache entziehen. Dass Assig dennoch Schrift verwendet, erzeugt eine produktive Spannung. Die Sätze wirken nicht wie Bildlegenden, sondern wie zweite Stimmen, die dem Bild widersprechen, es verschieben oder ihm eine neue Falltür öffnen.
Eugen Blumes einleitender Text ordnet diese Werkgruppe umsichtig in Assigs Schaffen ein, ohne die Zeichnungen auf eine feste Lesart zu verpflichten. Das ist wichtig, denn ihre Wirkung beruht gerade darauf, dass sie sich nicht entschlüsseln lassen. Der Band verlangt langsames Sehen. Wer nur rasch durch die 160 Seiten blättert, wird die Wiederholungen bemerken; wer sich auf die kleinen Verschiebungen einlässt, entdeckt ein fein abgestuftes Vokabular aus Gesten, Körperfragmenten, Mustern und Sprachsplittern.
Die Monografie ist damit mehr als die Dokumentation eines einzelnen Zyklus. Sie zeigt, wie konsequent Assig seit Jahrzehnten um dieselben großen Fragen kreist: Was hält den Menschen zusammen? Wo endet der Körper und wo beginnt das innere Erleben? Wie lässt sich Schmerz darstellen, ohne ihn auszustellen? Die schwarzen Tuschen geben darauf keine Antworten. Sie schaffen Bilder, in denen Ernst und Witz, Trost und Unruhe, Abstraktion und Figur ineinanderliegen.
„Jeder der Augen im Kopf hat“ ist deshalb kein gefälliges Kunstbuch für den schnellen Blick. Es ist ein stilles, manchmal sperriges, berührendes Buch, das zur Aufmerksamkeit zwingt. Assig zeigt nicht, wie der Mensch aussieht. Er zeigt, wie brüchig, komisch und geheimnisvoll es sein kann, einer zu sein.