„Der erhobene Zeigefinger wird zur bösartigen Waffe“

Michael Köhlmeier veröffentlicht am 18. August seinen vielleicht persönlichsten Roman.
Hohenems Dieses Interview entstand vor dem Ableben von Monika Helfer, der Ehefrau Michael Köhlmeiers. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser, dies beim Lesen zu berücksichtigen.
Wie wird man der Mensch, der man ist? Michael Köhlmeiers Roman “Mein privates Glück” über sein Leben.
Ihre Eltern im Buch heißen Charlotte und Arnold, Nolde, also nicht so wie in der Realität. Braucht es also einen gewissen Abstand, um über sie und die Zeit damals zu schreiben?
Köhlmeier: Ja. Die Einbildungskraft darf sich nicht von der Realität einschränken lassen.
Wie ist der Roman entstanden? Haben Sie ihn glatt runtergeschrieben und dann die Kapitel neu geordnet?
Köhlmeier: Ich habe Erinnerungen und Einfälle niedergeschrieben. Dann in Kapitel geordnet. Und auf die Hälfte gekürzt.

„Mein privates Glück“ titulieren Sie Ihren Roman. Gibt es für Sie einen größten Glückmoment darin?
Köhlmeier: Die Gerüche aus meinem Kindheitsparadies – der Stadt Coburg in Franken.
Kurz zum Cover: Wie wirkt auf Sie Vincent van Goghs „Junger Mann mit Mütze“?
Köhlmeier: Melancholisch. Melancholie – das klingt paradox – ist die beste Medizin gegen Depression.
Zu Ihren Walt Disney Gedanken: Entenhausen In Entenhausen geht man niemals auf die Toilette, isst jedoch.
Köhlmeier: Das Fehlen des Stoffwechsels in Entenhausen verweist auf die Ewigkeit, die dort herrscht. Stoffwechsel ist ein Prozess, der hat einen Anfang und ein Ende.
Die unheimliche Tante Thea, die Wahltante und „Seelenfreundin“ Ihrer Mutter, hätte Stoff für jeden Stephen King Thriller, oder?
Köhlmeier: Ein Bild, in dem Moral und Horror eins werden. Der erhobene Zeigefinger wird zur bösartigen Waffe.
Ihre Großmutter war eine unkonventionelle Geschichtenerzählerin und zugleich ganz ungewollt eine große Lehrmeisterin.
Köhlmeier: Ich hatte in meinem Leben keine bessere Lehrerin im Fach Geschichtenerzählen. Und nicht: Was willst du erzählen? Sondern: Wie willst du es erzählen? Jeder Stoff ist würdig, erzählt zu werden. Falsch machen kann man etwas nur beim Wie.
Gerade die schonungslosesten Bilder Pieter Bruegels begleitet Sie durch das gesamte Buch. Durch Ihr Leben auch?
Köhlmeier: Ja. Kein anderer Maler zeigt das Böse in solcher Radikalität.
Ihr Verwandter und Kumpel Helge: Er ist der perfekte Outlaw, spätestens als Hells Angel. Im Grunde eine hochliterarische Figur, oder?
Köhlmeier: Eigentlich ein Westernheld, da haben Sie recht. Ich hab ihn geliebt und bewundert und habe mich in seinem finsteren Charisma gesonnt – eben in dieser Widersprüchlichkeit.
Dieses Mal ist es Hank Williams, „der Shakespeare der armen Leute“, der Sie begleitet. Finden Sie in Musik eher Trost, Mut oder Halt?
Köhlmeier: Alles drei. Sie sagen das punktgenau. Wenn eines fehlt, ist es nicht meine Musik.
In Ihrem Roman haben Sie ein letztes (und vielleicht das erste) tiefgehende Vater-Sohn-Gespräch, zu dem er sie bat. Ist es der Moment, wo man sich gegenseitig verzeiht?
Köhlmeier: Eher der Moment, in dem man erkennt, dass es nichts zu verzeihen gibt, gerade wenn man vorher dachte, es gibt.
Die wahre Heldin des Romans ist ihre Mutter. Sie ist eine Art Märtyrerin, zu der sie sich bedingungslos bekennen. Ihr „Seliges Semester“ zeugt davon. Erschiene Ihnen Ihre Mutter im Traum und Sie dürften Ihr eine einzige Frage stellen, welche wäre das
Köhlmeier: Liebst du mich noch?
Gefühlt endet „Mein privates Glück“ mit dem Erscheinen Ihres ersten Romans in den 1980er-Jahren. Ist hier ein weiteres Werk geplant?
Köhlmeier: Eine Fortsetzung? Hab ich eigentlich nicht daran gedacht. Die Ideen kommen, und sie kommen von allein. Ich will! – das ist kein guter Beginn.
Martin Wanko