Ein Klassiker, der keiner sein wollte

Am 14. August jährt sich der Todestag Bertolt Brechts zum 70. Mal.
Schwarzach Er starb in seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße, wenige Schritte vom Dorotheenstädtischen Friedhof entfernt, auf dem er heute begraben liegt: Am 14. August 1956 erlag Bertolt Brecht mit 58 Jahren einem Herzinfarkt. Die Proben zu „Leben des Galilei” am Berliner Ensemble hatte er kurz zuvor abbrechen müssen. Sein Grabstein trägt nur den Namen, so hatte er es verfügt. Geboren wurde er 1898 in Augsburg als Sohn eines Papierfabrikdirektors, ein Bürgersohn, der die Rolle des Provokateurs früh perfektionierte. 1922 erhielt er für „Trommeln in der Nacht” mit 24 Jahren den Kleist-Preis. Zwei Jahre später ging er nach Berlin, 1928 hatte er im Theater am Schiffbauerdamm jenen Erfolg, der sein Werk bis heute überstrahlt: „Die Dreigroschenoper”, Musik von Kurt Weill. Dass die Vorlage, John Gays „Beggar’s Opera”, von Elisabeth Hauptmann übersetzt und in weiten Teilen bearbeitet worden war, stand jahrzehntelang klein gedruckt. Die Frage, wie viel von Brechts Werk auf die Arbeit von Mitarbeiterinnen zurückgeht – neben Hauptmann vor allem Margarete Steffin und Ruth Berlau –, ist seit den Neunzigerjahren gestellt und nicht abschließend beantwortet.
Brecht wird Österreicher
Am Tag nach dem Reichstagsbrand verließ Brecht Deutschland. Es folgten fünfzehn Jahre Exil: Prag, Wien, Zürich, dann sechs Jahre Dänemark, danach Schweden, Finnland, schließlich Santa Monica. Diese Jahre der Vertreibung sind die produktivsten. „Mutter Courage und ihre Kinder”, „Leben des Galilei”, „Der gute Mensch von Sezuan” und „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” entstehen fern jeder Bühne, die sie hätte spielen können. Uraufgeführt wurde vieles davon am Schauspielhaus Zürich, vor einem Publikum, das mit dem Autor zunächst wenig anzufangen wusste.
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Brecht war nach der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft 1935 durch die Nationalsozialisten staatenlos. Als ihm auf Empfehlung des Komponisten Gottfried von Einem am 12. April 1950 von der Salzburger Landesregierung die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen wurde, kam es zum Eklat. Die österreichische Öffentlichkeit war über die Verleihung nicht informiert und reagierte, als diese im Herbst 1951 bekannt wurde, mit einem Proteststurm.
Internationale Schule
Gearbeitet hat er ab 1949 in Ost-Berlin. Mit Helene Weigel gründete er das Berliner Ensemble, das ab 1954 wieder am Schiffbauerdamm spielte. Hier setzte er um, was er theoretisch längst formuliert hatte: ein Theater, das nicht einfühlen, sondern zeigen soll. Der Verfremdungseffekt unterbricht die Illusion, damit das Publikum die Verhältnisse als gemachte erkennt und nicht als Schicksal. Die Gastspiele des Ensembles in Paris 1954 und 1955 machten aus dem deutschen Sonderfall eine internationale Schule; von dort wirkte Brecht auf das Theater in Frankreich und England zurück. Bequem war er der DDR nie. Nach dem 17. Juni 1953 schrieb er Walter Ulbricht einen Brief, von dem die Behörden nur den letzten, zustimmenden Satz veröffentlichten. Im selben Sommer entstand jenes Gedicht, in dem er der Regierung vorschlägt, sie möge sich doch ein anderes Volk wählen. Gedruckt wurde es erst drei Jahre nach seinem Tod, im Westen.