Zwei Quartette, zwei Temperamente

Janáčeks „Kreutzersonate” und Stöhrs Streichquartett “ganz persönlich” interpretiert.
bregenz Im Seestudio des Festspielhauses sitzt das Publikum den Musikern beinahe gegenüber, jede Bogenbewegung ist zu sehen. „Strings Unbound – Wiener Symphoniker ganz persönlich” heißt die Kammermusikreihe der Bregenzer Festspiele, in der das Orzaru Quartett am Samstagabend zwei Werke gegenüberstellte, die kaum weiter auseinanderliegen könnten.
Leoš Janáček schrieb sein Streichquartett Nr. 1 im Oktober 1923 in gut zwei Wochen. Tolstois Novelle „Die Kreutzersonate” – Eifersucht, Ehe, Mord – steht dahinter, doch entstand daraus kein Programmstück, sondern ein psychologisches Protokoll. „Ich stellte mir eine arme, gequälte und erschöpfte Frau vor”, schrieb Janáček in einem Brief. Das Werk verlässt traditionelle Harmonik und Kontrapunktik beinahe vollständig: Motive brechen ab, kehren verzerrt wieder, eine Kantilene setzt an und wird abgewürgt.

Das Orzaru Quartett – Nikolay Orininskiy und Martin Zayranov (Violine), Cristian Ruscior (Viola), Primož Zalaznik (Violoncello) – nahm die Schroffheiten ernst. Die Einsätze kamen hart, die Tempowechsel ohne Übergangsdiplomatie, das Cello grundierte die Ausbrüche mit dunklem, körperlichem Ton. Was in schwächeren Aufführungen als Zusammenhanglosigkeit erscheint, hatte hier Richtung: Die vier Sätze liefen auf den Zusammenbruch im Finale zu. Ein starker, konzentrierter Beginn.
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Nach der Vorstellung der Musiker – die Reihe heißt schließlich „persönlich” – folgte die österreichische Erstaufführung von Richard Stöhrs Streichquartett Nr. 4 in e-Moll, op. 114, komponiert 1946 im amerikanischen Exil. Der erste Satz beginnt düster und introspektiv, ehe ein bewegtes Allegro in liedhafter Schönheit einsetzt, ohne die Melancholie ganz zu vertreiben. Das Andante mesto ist elegisch und zart im Ton, das Scherzo wirft kurze Motive zwischen den Instrumenten hin und her, beweglich und pointiert. Das Finale steigert sich, verzichtet aber auf den spektakulären Schluss und endet versöhnlich.
Warum war dieses Stück vergessen?
Handwerklich ist das tadellos, klanglich angenehm, in der Faktur sauber gearbeitet. Und doch stellt sich die Frage, die bei jeder Wiederentdeckung mitläuft: Warum war dieses Stück vergessen? Manchmal liegt es an der Geschichte, an Vertreibung und abgerissenen Karrieren. Manchmal aber auch daran, dass ein Werk keine Besonderheit ist. Stöhrs Quartett gehört eher in die zweite Kategorie. 1946 geschrieben, klingt es, als sei zwischen Brahms und der Gegenwart nichts geschehen. Es fehlen die Kraft des Neuen, die Reibung, das Risiko. Nett anzuhören, gewiss, aber eben nicht herausragend.
Stöhrs Bedeutung liegt anderswo. 1874 in Wien geboren, im selben Jahr wie Schönberg, studierte er zunächst Medizin, dann Komposition bei Robert Fuchs, wurde 1915 ordentlicher Professor an der Wiener Musikakademie. 1938 zwangspensioniert, emigrierte er 1939 in die USA, lehrte am Curtis Institute und später am Saint Michael’s College in Vermont. Kein einziges seiner dort entstandenen Werke wurde je verlegt. In fünf Jahrzehnten unterrichtete er Tausende, darunter Herbert von Karajan, Erich Leinsdorf, Rudolf Serkin, Samuel Barber und Leonard Bernstein. Als Lehrer hat er Musikgeschichte geprägt, als Komponist bleibt er eine Fußnote.

Das schmälert das Verdienst des Ensembles nicht. Das 2024 gegründete Orzaru Quartett hat sich die Wiederentdeckung vernachlässigter Werke zur Aufgabe gemacht und spielt sie mit einem Ernst, der ihnen jede Chance gibt. Ende 2026 erscheint eine CD bei Toccata Classics. Man wird dieses Ensemble weiter hören wollen, auch dort, wo das Repertoire mehr hergibt als an diesem Abend.