Ein Traum gegen den Befehl

Georg Nigl und Ingo Metzmacher machten Henzes “Prinz von Homburg” in der Felsenreitschule zum Ereignis.
Salzburg Es beginnt mit einem Schlafwandler. Im Garten von Fehrbellin windet der Prinz, halb im Traum, einen Lorbeerkranz und überhört die Order für die Schlacht. Er siegt trotzdem – gegen den Befehl. Was folgt, ist ein Prozess gegen einen Sieger: das Todesurteil des Kurfürsten, der Zusammenbruch des Prinzen vor dem offenen Grab, schließlich die Umkehr des Verurteilten, der das Gesetz gegen sich selbst anerkennt und eben dafür begnadigt wird. Aus diesem Widerspruch zwischen Gesetz und Gefühl, zwischen preußischem Reglement und der Wahrheit des Traums hat Heinrich von Kleist 1810 sein rätselhaftestes Schauspiel gemacht. Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, deren 100. Geburtstage in diesem Sommer nur sechs Tage auseinanderliegen, formten daraus 1958/59 eine Oper. Bachmann strich, verdichtete, entzog dem Stoff jede Möglichkeit, noch einmal als preußisches Heldenstück missbraucht zu werden. Am Donnerstag war das Werk bei den Salzburger Festspielen konzertant in der Felsenreitschule zu hören, in der revidierten Fassung von 1991.
Henze macht den Konflikt hörbar. Die militärische Welt des Kurfürsten spricht in strengen Zwölftonreihen, grundiert von Trommel- und Paukenwirbeln; die Traumwelt des Prinzen antwortet mit weichen Streichern und tonalen Splittern. Dazwischen schöpft Henze, der die Partitur Igor Strawinsky widmete, aus der Formengeschichte der Gattung: Passacaglia und Fuge für den historischen Preußen, italienisch gefärbte Kantilene für den fühlenden Menschen.
Hochaktuelles Musiktheater
Georg Nigl ist in der Titelpartie herausragend. Er singt keinen Helden, sondern einen Menschen, der zwischen Rausch und Todesangst zerrieben wird, und tut es mit einer Wortdeutlichkeit, die jede Übertitelung überflüssig macht. Sein Bariton bleibt auch in heikelsten Lagen schlank und beweglich; die Szene der Todesfurcht gerät zum erschütternden Zentrum des Abends, ohne je ins Expressive auszuweichen. Dem Vorarlberger Publikum ist er seit langem vertraut: 2001 sang er bei den Bregenzer Festspielen den Schaunard in Puccinis „La Bohème“, 2006 die Titelrolle in Richard Dünsers „Radek“ nach einem Libretto von Thomas Höft.
Ebenso großartig Tanja Ariane Baumgartner als Kurfürstin: ein warm timbrierter, in der Tiefe prachtvoll grundierter Mezzo, der die Partie mit mütterlicher Autorität und stiller Menschlichkeit füllt, die dem Militärischen standhält. Maximilian Schmitt gibt dem Kurfürsten tenorale Schärfe ohne Kälte, Kathrin Zukowski eine leuchtende Natalie und Lauri Vasar einen markanten Feldmarschall Dörfling.
Bei Ingo Metzmacher lief alles zusammen. Der Dirigent, einer der klügsten Anwälte dieser Musik, führte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit größter Übersicht durch die Partitur. Er ließ die Reihen scharf schneiden und die Traumflächen atmen, hielt die Balance zu den Sängern ideal und legte die Konstruktion frei, ohne ihr die Wärme zu nehmen. Das Orchester folgte hellwach, mit exzellenten Holzbläser-Soli.
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Am Ende langer Jubel für einen Abend, der bewies: Diese Oper ist kein Museumsstück, sondern hochaktuelles Musiktheater über Gehorsam, Schuld und die Freiheit des Einzelnen.