Ein Konzert, das alles einlöst

Die Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann und Augustin Hadelich machen Brahms bei den Salzburger Festspielen zum Hochgenuss.
Salzburg Christian Thielemann ist ein Dirigent, der mit Lob nicht verschwenderisch umgeht. Umso mehr sagt jene kleine Geste, die er nach dem letzten Akkord der Ersten Symphonie in Richtung der Wiener Philharmoniker macht: Daumen nach oben. Zu Recht. Das Brahms-Konzert im Großen Festspielhaus war einer jener Momente, in denen alles zusammenfindet.

Zwei Werke, ein Komponist, ein Tonfall: das Violinkonzert D-Dur op. 77 und die erste Symphonie c-Moll op. 68. Beide entstanden in jener Phase, in der Brahms endlich aus dem Schatten Beethovens trat, beide sind sinfonisch gedacht, beide verlangen ein Orchester, das nicht begleitet, sondern mitspricht. Genau das bekamen sie.
Von Bregenz nach Salzburg
Augustin Hadelich ist dem Vorarlberger Publikum noch bestens in Erinnerung: Im Jänner gab er im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte ein umjubeltes Konzert im Festspielhaus. In Salzburg zeigte sich erneut, warum er derzeit zu den interessantesten Geigern zählt. Hadelich spielt Brahms nicht als Kraftakt. Sein Ton ist schlank, biegsam, in den Höhen von einer fast gläsernen Klarheit, auf der G-Saite dagegen samtig grundiert, und er setzt Vibrato so sparsam ein, dass jede Steigerung Wirkung behält. Nach der langen Orchesterexposition tritt er nicht mit Getöse ein, sondern mit einer Linie, die sich aus dem Klang des Orchesters herausschält, als sei sie schon immer da gewesen.

Der Kopfsatz wird so zum Dialog. Thielemann nimmt das Tempo ruhig, lässt die Bässe atmen und die Holzbläser ihre Farben ausspielen; Hadelich antwortet mit einer Phrasierung, die immer vorwärtsdrängt, ohne zu hetzen. In der Kadenz spielt er beinahe kammermusikalisch leise, ein Risiko im großen Saal, das vollkommen aufgeht. Das Adagio gehört zunächst der Oboe, deren Solo im Festspielhaus mit jener Wärme erklang, für die dieses Orchester berühmt ist, die Violine übernimmt danach, umspielt, ziert, kommentiert, ohne den Gesang je zu zerreden. Im Finale schließlich lässt Hadelich das ungarische Kolorit aufblitzen, mit trockenem Zugriff, rhythmischem Witz und einer Beweglichkeit, die auch im Fortissimo nie schwer wird. Das Publikum reagierte entsprechend mit Jubel und Standing Ovations.
Dunkle Farbigkeit
Nach der Pause dann Brahms’ langer Weg zur Symphonie. Thielemann beginnt den Kopfsatz breit, mit einem Paukenpuls, der weniger dröhnt als drückt und der die chromatischen Linien darüber umso schmerzhafter macht. Es ist eine Lesart, die nichts überstürzt: Der Dirigent baut Spannung aus Stimmführung, nicht aus Tempo. Die Mittelsätze, oft als Beiwerk behandelt, bekommen ihr eigenes Gewicht; das Andante sostenuto blieb dank eines fein geführten Konzertmeister-Solos ganz unsentimental, das Un poco allegretto e grazioso bekam jene federnde Leichtigkeit, die ihm oft fehlt.
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Im Finale schließlich löst sich alles ein. Der Hornruf über den Streichertremoli, der Posaunenchoral, dann jenes große C-Dur-Thema, an dem Brahms so lange gearbeitet hat: Thielemann lässt es zunächst schlicht singen, fast beiläufig, und hebt es erst im letzten Durchgang in die volle Größe. Dass die Coda dann trotzdem nicht in Lärm mündet, sondern in Klang, ist die eigentliche Leistung dieses Abends. Die Wiener Philharmoniker spielten mit einer Homogenität und einer dunklen Farbigkeit, die man so nur hier hört.
Der Jubel war lang, das Orchester bekam ihn zu Recht, der Dirigent ebenso. Und Augustin Hadelich hat sich mit diesem Auftritt endgültig in die erste Reihe gespielt. Zwei Meisterwerke, ein Solist, ein Dirigent, ein Orchester, alle in Bestform – Musiker, die einander zuhören. Manchmal genügt das vollkommen.