Petrenkos Rätsel und Tschaikowskis Schicksal

Kultur / 24.08.2026 • 19:39 Uhr
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Kirill Petrenko überzeugte mit den Berliner Philharmonikern die Salzburger Festspielbesucher mit Elgars „Enigma”-Variationen und Tschaikowskis Vierte.SF/Marco Borelli

Elgars „Enigma”-Variationen und Tschaikowskis Vierte, beide op. 36, beide verkappte Selbstporträts.

Salzburg Der Abend beginnt beiläufig, fast privat. Die Streicher legen jenes Thema hin, das Edward Elgar eines Abends am Klavier vor sich hin gespielt hatte, bis seine Frau Alice aufhorchte: vier Takte, ein Seufzer zwischen Moll und Dur, mehr nicht. Kirill Petrenko nimmt sie so leise, dass sich das Große Festspielhaus für einen Moment in einen Kammermusiksaal verwandelt. Wer die Berliner Philharmoniker vor allem als Klangkraftwerk im Ohr hat, lernt an diesem Sonntagabend zuerst ihre Feinmotorik kennen.

Die vierzehn Variationen des op. 36 sind verschlüsselte Porträts: Freunde, Verwandte, ein Verleger, sogar eine Bulldogge, die in den Fluss Wye fällt. Petrenko widersteht der Versuchung, sie zu einem einzigen spätromantischen Bogen zu verschleifen. Jede Figur behält ihren eigenen Tonfall. Der Pianist H. D. S.-P. huscht in laufenden Sechzehnteln vorbei, eine Parodie auf seinen Fingerlauf über die Tasten, W. M. B. verlässt polternd das Zimmer, Troyte hämmert am Klavier, ohne je grob zu klingen. In „Ysobel” formt die Solobratsche jene Übungsfigur, an der eine Schülerin sich abarbeitete, zu einer melancholischen Miniatur. Das Solocello in „B. G. N.” klingt, als spreche jemand über einen alten Freund, nicht über sich selbst.

Die Erinnerung an einen Sommerabend

„Nimrod” bleibt bei Petrenko, was diese Variation ursprünglich war: die Erinnerung an einen Sommerabend, an dem der Verleger August Jaeger dem zweifelnden Komponisten von Beethoven erzählte. Kein Zeitlupenweihrauch, kein Trauerstaatsakt. Die Steigerung setzt spät ein, sie wächst organisch aus dem Streicherpiano heraus, und sie verbraucht nichts von dem, was das Finale noch braucht. Dort, in „E. D. U.”, Elgars Selbstporträt, öffnet der Dirigent dann doch alle Register — ein Jubel, der verdient wirkt, weil ihm zweieinhalb Dutzend Minuten Zurückhaltung vorausgegangen sind. Der Applaus vor der Pause hat bereits Festspielformat.

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SF/Marco Borelli

Nach der Pause das Gegenstück: Tschaikowskis Vierte, jene Symphonie, deren Programm der Komponist seiner Mäzenin Nadeschda von Meck bis ins Detail erläutert hat. Das Schicksalsmotiv der Hörner und Fagotte fährt in den Saal wie ein zugeschlagenes Tor. Petrenko lässt es nicht brüllen, er lässt es schneiden. Bemerkenswert, wie präzise er den Dreiertakt des Kopfsatzes hält, der ständig zwischen Walzer und Trauermarsch changiert. Nichts wird hier ins Sentimentale gezogen, die Rubati sind knapp bemessen, gerade deshalb wirken sie.

Das Andantino gehört der Solooboe, die ihre einsame Kantilene in einem Ton anstimmt, der eher an ein Selbstgespräch als an eine Klage denken lässt. Im Scherzo führen die Streicher ihr Pizzicato mit einer Genauigkeit aus, die man sonst von einem guten Quartett erwartet, nicht von sechzig Musikerinnen und Musikern. Blech und Holz antworten von fern, fast beiläufig, wie eine Militärkapelle, die drei Straßen weiter probt.

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Das Finale ist der Prüfstein jeder Aufführung dieser Symphonie, weil es scheitern kann an bloßer Lautstärke. Petrenko nimmt es rasch, hält aber die Bassführung so klar, dass das Volkslied von der Birke im Feld bis zuletzt kenntlich bleibt. Als das Schicksalsmotiv ein letztes Mal einbricht, hat man nicht den Eindruck eines Effekts, sondern einer Konsequenz.

Petrenko eröffnet mit diesem Programm seine achte Saison als Chefdirigent; Berlin hat es am Freitag gehört, Luzern wird es am Mittwoch hören. In Salzburg wirkte an diesem Abend nichts nach Routine einer Tournee, sondern nach einem Orchester, das seinem Dirigenten in jede noch so leise Nuance folgt. Begeisterter Applaus im Festspielhaus, minutenlang, mit Bravorufen von den Rängen.