Martha Argerich in Höchstform

Kultur / 23.08.2026 • 11:07 Uhr
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Die 85-jährige Pianistin und der französische Geiger verbindet eine jahrzehntelange Kammermusik-Freundschaft. © SF/Marco Borrelli

Beim Solistenkonzert der Salzburger Festspiele traf die Pianistin mit Renaud Capuçon auf Schumann, Debussy und die „Kreutzersonate”

Salzburg Man will es nicht glauben: Diese Pianistin ist 85 Jahre alt. Martha Argerich betritt die Bühne wie eh und je beiläufig, fast ungeduldig, als sei der Weg zum Flügel eine lästige Formalität vor der eigentlichen Sache. Dann setzt sie sich, und was folgt, hat mit Alterswerk nichts zu tun. Beim Solistenkonzert am Freitagabend bei den Salzburger Festspielen war neben ihr Renaud Capuçon zu erleben – ein Duo, das seit Jahrzehnten miteinander Kammermusik macht und dem man genau das anhört.

Robert Schumanns Sonate für Klavier und Violine Nr. 1 a-Moll op. 105 eröffnete den Abend, und schon hier zeigte sich das Prinzip dieser Partnerschaft: Argerich begleitet nicht, sie führt Dialoge. Ihr Anschlag hat jene federnde Schärfe behalten, die man von ihren Aufnahmen der Sechzigerjahre kennt, doch der Zugriff ist heute unangestrengter. Sie muss nichts mehr forcieren. Capuçon antwortete mit einem Ton, der im ersten Satz absichtsvoll rau blieb und sich erst im Finale ins Leuchtende öffnete. Dass Schumann die Violine über weite Strecken in der dunklen G-Saite verankert, kam dieser Lesart entgegen.

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© SF/Marco Borrelli

Claude Debussys Sonate g-Moll, das letzte vollendete Werk des kranken Komponisten, geriet zum heimlichen Zentrum des ersten Teils. Hier spielten beide mit einer Freiheit, die nur aus Vertrautheit entsteht: ein Dehnen und Drängen des Tempos, das keine Absprache mehr braucht, Farbwechsel im selben Sekundenbruchteil. Der Mittelsatz wurde zum kapriziösen Spiel, das Finale zu einem Aufbäumen, das seine Brüchigkeit mitdenkt.

Eine Freundschaft, hörbar gemacht

Der Höhepunkt kam nach der Pause. Beethovens Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47, die „Kreutzersonate”, ist ein Werk, an dem sich Duos verheben können.Rund vierzig Minuten Musik, die nach außen konzertant auftritt und innen ständig an der Grenze zum Konflikt entlangschrammt. Argerich und Capuçon nahmen genau diese Reibung ernst. Das Presto des Kopfsatzes hatte Attacke, ohne in Lärm zu kippen; die Variationen des Mittelsatzes wurden nicht als Ruhepol missverstanden, sondern als Verhandlung. Und im Schlusssatz war jenes Temperament da, das man bei Argerich seit sechs Jahrzehnten bewundert, aber eben auch das Wissen einer Musikerin, die dieses Stück hunderte Male gespielt hat und trotzdem nicht weiß, wohin es an diesem Abend gehen wird. Genau das macht den Unterschied zur bloßen Bravour: Die technische Souveränität ist Voraussetzung, nicht Ergebnis.

Kongenial: Renaud Capuçon. Den Vorarlberger Klassikfans ist er bestens bekannt, gab er doch sein Debüt bei der Schubertiade bereits 2003 und tritt seither regelmäßig dort in Hohenems und Schwarzenberg auf. Am 23. April kommenden Jahres steht dort erneut die „Kreutzersonate” auf seinem Programm, dann allerdings mit Mao Fujita am Klavier – ein Vergleich, auf den man sich jetzt schon freuen darf.

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© SF/Marco Borrelli

Zwei Zugaben, stehende Ovationen, ein Publikum, das minutenlang nicht gehen wollte. Man verließ den Saal mit dem seltenen Gefühl, einem Konzert beigewohnt zu haben, das keine Absicherung mehr braucht. Wer so spielt, hat der Nachwelt nichts mehr zu erklären. Welch ein Genuss war das.