Eine Pianistin, die nicht nur spielt, sondern Schubert freilegt

Elisabeth Leonskaja begeistert bei der Schubertiade.
Schwarzenberg Über 40 Jahre ist Elisabeth Leonskaja der Schubertiade treu – eine Treue, die weit über Routine hinausgeht. Sie ist dort längst Faktotum im besten Sinn: eine unentbehrliche, tragende Figur, die das Festival mit ihrer bloßen Präsenz verankert. Man kann sie sich aus der Schubertiade schlicht nicht mehr wegdenken.
Und wie immer kommt sie ohne Zeremoniell zur Sache. Ein knappes Nicken Richtung Publikum – und schon beginnt die Grande Dame des Klaviers. Ansatzlos, kraftvoll, warm, entschlossen, aber völlig frei von Sentimentalität eröffnet sie Schuberts Sonate H‑Dur D 575. Gleich zu Beginn zeigt sie die Richtung: Schubert nicht als zarten Frühromantiker, sondern als Komponisten mit innerer Dramatik, als Stürmer und Dränger, als einen, der schon früh gegen die Grenzen seiner Zeit anschreibt.

Für Zerbrechlichkeit und Sentimentalitäten gibt es hier bei Leonskaja keinen Platz. Man ist geneigt, mit dem Evangelisten Johannes zu sprechen: “Quid est veritas?” (“Was ist Wahrheit?”), und die Antwort, die Pilatus nie verstand, ließe sich hier gut umformulieren: “Mulier quae adest – die Frau, die vor dir steht”. Die Leonskaja “spielt” die Wahrheit, nicht den Effekt, sie schält Schubert förmlich aus dem von uns über die Jahrzehnte bzw. nahezu 200 Jahre gesponnenen Kokon heraus und lässt ihn klarer, entschlossener und weit kompromissloser erscheinen, als manch einem lieb ist.
Unverwechselbarer Klang bedingt eine unverwechselbare Haltung, ob nun als “letzte” große Vertreterin der russischen Schule aus der Emil-Gilels- oder Swjatoslaw-Richter-Tradition. Fakt ist, die Leonskaja ist eine “Säulenheilige des Klavierspiels”! Damit ist nicht eine religiöse Überhöhung gemeint, sondern eine Persönlichkeit, die über viele Jahrzehnte hinweg Maßstäbe gesetzt hat, die nicht nur als künstlerische, sondern auch als moralische und unbestechliche Instanz gilt und deren Spiel eine Art unverrückbare Orientierung bietet.

Die Leonskaja ist wahrscheinlich ein Gegenentwurf zur heutigen Schnelllebigkeit. Die Leonskaja greift Schuberts Abgründe oder auch seine oft zitierte Zerbrechlichkeit unerschrocken, unverzagt auf und gleitet beherzt darüber hinweg, man höre in das As-Dur- oder in das B-Dur-Impromptu hinein. Sie “glättet” nicht Schuberts Tragik, sondern sie zeigt sie, Schubert als Architekt seines unerbittlichen Schicksals, nicht als “romantischen Schwärmer”. Eine wundersame Serenität nimmt uns im Andantino der A-Dur-Sonate gefangen, kraftvoll und resonanzreich das Rondo: Allegretto. Als Zugabe dann Schuberts Es‑Moll‑Stück D 946 Nr. 1 – eines der größten Klavierwerke, ein musikalisches Psychogramm von erschütternder Klarheit. Ein Werk, das ein Mensch schrieb, der sechs Monate später sterben sollte.
Leonskaja spielt es nicht als Abschied, sondern als Wahrheit. Das Publikum dankte ihr mit Jubel, Bravorufen und langem Applaus – wie man es einer Pianistin schenkt, die nicht nur spielt, sondern Schubert freilegt. Thomas Schiretz