Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Vom Aufstand der Dinge

Kultur / 28.08.2026 • 09:23 Uhr

VN-Kommentar von Walter Fink.

Vor Jahren schon habe ich einmal auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Die Ereignisse gerade der jüngsten Zeit zwingen jedoch, noch einmal daran zu erinnern. Die Rede ist von einem Buch, das bereits 1973 im Insel Verlag erschienen ist, Autor ist Erhart Kästner, ein aus unserer Nähe, nämlich aus Freiburg im Breisgau stammender Dichter. Kein anderer hat sich dem Thema Griechenland und Griechentum so sehr verschrieben wie er, kein anderer hat so viele, so eindrückliche Studien über Teile Griechenlands, etwa den Berg Athos oder die Insel Delos und nicht zuletzt über die griechische Urheimat, nämlich Byzanz, das spätere Istanbul und heutige türkische Konstantinopel, geschrieben. Erhart Kästner – gestorben 1974 – war ein Philosoph, er war Bibliothekar in Wolfenbüttel (einer seiner Vorgänger war dort Gotthold Ephraim Lessing) und ein durch und durch humanistisch gebildeter Mensch.

Kurz vor seinem Tod schrieb Kästner “Aufstand der Dinge”, ein Buch, das leider längst vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich ist, das eigentlich hätte wachrütteln müssen über den Zustand der Welt und darüber, wie der Mensch mit den Dingen der Welt umgeht. Er schreibt: “Wird es sich nicht als schrecklicher Irrtum erweisen, wenn man meint, die Dinge ertrügen den Terror, ohne je eine Rechnung zu stellen? Wenn man meint, das Jahrhundert werde so durchkommen? Wenn man meint, die Überlisteten seien so wehrlos? Keine Gegenwehr zu befürchten? Kein Spartakus? Keinerlei Notwehr? Hält man die Dinge dieser Welt für so stumpf, für so tot? (…) Die Dinge für grenzenlos unterdrückbar, rechtlos, willenlos, fühllos und unbedürftig der Selbst-Bestimmung zu halten, das kann bloß, wer meint, dass sie weder Leben noch Macht hätten. Sie haben sie.” Und Erhart Kästner beruft sich dann auf einen Satz des französischen Moralisten La Rochefoucault (1613 bis 1680), “ein Satz wie ein Diamant”, wie Kästner meint: “Die Kunst aller Künste und die Weisheit aller Weisheit ist es, den Preis einer jeden Sache zu kennen.” Also, so meint Kästner, auch den Preis, den die Dinge von uns verlangen werden.

Nach den Hitzemonaten und der Dürre der jüngsten Zeit wissen wir, wovon Kästner sprach. Wir stehen mittendrin im “Aufstand der Dinge”, die Dinge der Welt beginnen sich zu wehren gegen Ausbeutung, gegen Missbrauch, gegen das immer weitere Zurückdrängen der Natur. Wir haben alles gewusst, hätten es wissen müssen. War es doch schon 1972 auch der Club of Rome, eine internationale Denkfabrik für Zukunftsfragen, der mit dem Buch “Die Grenzen des Wachstums” auf die kommenden, inzwischen eingetretenen Katastrophen hingewiesen hat. Ein halbes Jahrhundert später hat sich nichts gebessert – nicht durch Kästner, nicht durch den Club of Rome. Im Gegenteil. Es wird nicht helfen, trotzdem zitiere ich noch einmal Erhart Kästner: “Meint man, das Unternehmen der Welt-Ausrechnung und Welt-Herstellung werde niemals zurückschlagen? Meint man, den Dingen dieser Welt mit den Augen des Ausbeuters begegnen zu können, und es werde folgenlos bleiben?” Es blieb nicht folgenlos, heute wissen wir es. Aber auch das wird, so fürchte ich, nichts ändern.