Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Herr Babler, das wäre die Frage

Politik / 28.08.2026 • 12:55 Uhr

Andreas Babler hatte am Montag im ORF-Sommergespräch einen eigentümlichen Abend. Er war stolz darauf, menschlich zu sein, sprach viel von Respekt und warf auch wieder die “Millionärssteuer” in die Runde. Gerade dort hätte ein Gedanke gelegen, der interessanter wäre als das abgegriffene Bild vom bösen Millionär.

Denn die neue soziale Frage lautet womöglich nicht mehr: Was verdienst du? Sondern: Was besitzt du – oder wirst du einmal erben?

Vorarlberg ist dafür ein Labor. Das verfügbare Einkommen pro Kopf lag 2024 bei 31.000 Euro, der österreichische Durchschnitt bei 30.400. Also fast gleich. Beim Baugrund sieht die Welt völlig anders aus: 2025 kostete der Quadratmeter in Vorarlberg im Mittel 640 Euro, österreichweit 135. Ein Haus kostete hier pro Quadratmeter rund 5077 Euro, im Österreich-Schnitt 2836. Die Einkommen sind fast gleich, Baugrund kostet fast fünfmal so viel.

Das verändert eine Gesellschaft. Zwei Dreißigjährige können denselben Beruf haben, gleich viel verdienen und unterschiedliche Aussichten besitzen. Der eine erbt ein Haus oder einen Baugrund, der andere nichts. Der eine steigt, ohne einen zusätzlichen Arbeitstag zu leisten, in eine Vermögensklasse auf, die der andere trotz lebenslanger Arbeit vielleicht nie erreicht.

Das zeigen auch die österreichischen Vermögensdaten. Die Nationalbank stellt fest, dass Wohneigentum viel stärker mit Vermögen als mit laufendem Einkommen zusammenhängt. Fast 41 Prozent der Haushalte haben bereits geerbt oder eine Schenkung erhalten. Wer geerbt hat, besitzt in jedem Alter häufiger die eigene Wohnung oder das eigene Haus. Erbschaften werden, gerade beim ersten Eigentum, immer wichtiger.

In Vorarlberg bekommt dieser Befund Schärfe. Seit 2011 sind die Mieten – nicht inflationsbereinigt – laut WIFO um 61 Prozent gestiegen, die Haushaltseinkommen um 39 Prozent. Wer bereits Eigentum hatte, sah dagegen sein Vermögen wachsen. Der Hauspreis pro Quadratmeter stieg seit 2015 von 2846 auf 5077 Euro. Derselbe Preisanstieg, der den Besitzer reicher macht, schiebt für den Nichtbesitzer das Eigentum weiter weg.

Das ist keine Armutsdebatte. Gerade das macht sie politisch interessant. Man kann ordentlich verdienen, trotzdem das Gefühl bekommen, dass die gesellschaftliche Rolltreppe in die falsche Richtung läuft. Einkommen finanziert das Leben. Vermögen finanziert Sicherheit, Freiheit und die nächste Generation.

Vielleicht erklärt das einen Teil des politischen Zorns, der sich längst nicht nur bei sozial Abgehängten findet. Die FPÖ war bei der Vorarlberger Landtagswahl 2024 unter Erwerbstätigen und Jungen besonders stark. Daraus folgt nicht: Wer kein Haus erbt, wählt FPÖ. Aber es wäre töricht, die wachsende Kluft zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden für politisch folgenlos zu halten.

Und damit zurück zu Andreas Babler. Man muss nicht für eine Erbschaftsteuer sein. Es gibt gute Einwände: Familienbetriebe, bereits versteuertes Vermögen, die schwierige Bewertung von Eigentum. Aber wenn Babler schon dafür kämpft, sollte er aufhören, sie als moralische Strafexpedition gegen “Millionäre” zu verkaufen.

Die intelligentere Begründung wäre eine andere: Arbeit verliert gegenüber Herkunft an Bedeutung. Nicht weil Arbeit nichts mehr bringt, sondern weil Vermögen schneller davonläuft. Wer eine Gesellschaft der Leistung will, muss sich fragen, wie viel der Start ins Leben davon abhängen soll, ob hinter den Eltern ein Baugrund steht.

Ausgerechnet in Vorarlberg müsste man diese Frage verstehen.