Eine vokale Kathedrale aus vier Stimmen

Fantastischer Schubert-Liederabend als krönender Abschluss bei der Schubertiade in Schwarzenberg.
Bregenz Ein Liederabend, der nicht einfach beginnt, sondern sich entlädt: Gleich zu Beginn formt das Quartett aus Nikola Hillebrand (Sopran), Patricia Nolz (Mezzosopran), Mauro Peter (Tenor) und David Steffens (Bass) gemeinsam mit Malcolm Martineau am Klavier Schuberts “Hymne an den Unendlichen” (Text: Friedrich Schiller) zu einer “vokalen Kathedrale” – große, weit ausgreifende Akkorde bestimmen die Harmonik, und die vier Stimmen bilden ein Klangmassiv, das sich schichtweise aufbaut. Es ist ein Werk, um, sinngemäß mit Österreichs Nobelpreisträger Peter Handke zu sprechen, das nach oben strebt – “denn die Seele strebt immer nach oben”, wie ein Gebet, das sich in Klang verwandelt.

Und gleich hier zeigt sich ein austariertes Ensemble: Hillebrand trägt die Höhenlinien, klar, leuchtend, unangestrengt, sozusagen die Spitze des Klangraums, während Nolz mit ihrem warmen Mezzo die Rundung und die tragende Mittelstimme beisteuert, sie verbindet mit Leichtigkeit Sopran und Tenor. Mauro Peter bringt die Textdeutlichkeit, er ist der Erzähler im Klangmassiv, die Stimme, die Struktur gibt, mit Strahlkraft und Klarheit, und Steffens steuert die Gravität bei, massiv, wuchtig, geerdet, eine nahezu hohepriesterliche Präsenz ist ihm zu eigen und zugleich der dunkle Gegenpol zu Hillebrands Licht.
Zwischen Trost – und Mordgeschichten
Von ähnlicher Strahlkraft: “Gott im Ungewitter” (Text: Johann Peter Uz), “Gott als Weltenschöpfer” (Text: Johann Peter Uz), “An die Sonne” (Text: Johann Peter Uz) und, von ganz anderer Qualität und Intensität, die Zugabe des Abends, Schuberts “Zur guten Nacht” (D 903), eines der subtilsten “Nachtstücke” von Schubert, ein Werk zwischen Trost und Ruhe, es entlässt das Auditorium auf eine unglaublich sanfte Art, während gerade einmal zwei Lieder zuvor noch die Mord- und Schuldgeschichte “Eine altschottische Ballade” (Text: Thomas Percy, dt. von Johann Gottfried Herder), die dramatischste Säule des Programms, gesungen worden ist. Eine Ballade voller Abgründe, Anstiftung zum Mord an dem Vater durch die Mutter und Ausführung desselben durch den Sohn, mit der finalen Schuldzuweisung: “Der Fluch der Hölle soll auf euch ruhn, denn ihr rietet’s mir. Weh!” In Bestform Nolz und Steffens, ein außergewöhnliches dramatisches Tableau, gesanglich wie mimisch gleichermaßen von einer Souveränität, die keine Wünsche offenlässt und einem einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Chapeau!

Von der gleichen Qualität das Lied “Hektors Abschied” (Text: Friedrich Schiller), dargebracht von Hillebrand und Peter. Jenes antike Kammerspiel zwischen Andromaches Flehen und Hektors Pflichtbewusstsein, wohl wissend, dass er in den Tod gehen wird, ein vokales Psychogramm, das zwischen Liebe, Pflicht, Angst und Schicksal changiert. “Hermann und Thusnelda” bildet dazu eine klassische Antithese, nicht im Sinne eines simplen Gegensatzpaares, sondern als zwei diametral unterschiedliche Modelle heroischer Partnerschaft, Moll-Tragik versus Dur-Heroismus. Hektor geht in den Tod – Hermann kommt aus dem Sieg, Andromache fleht – Thusnelda jubelt, hier das Schicksal erdrückend, dort das Schicksal bezwungen, hier die chromatische Unruhe, dort die klare, strahlende Harmonik. Über allem liegt das feinsinnige, poetische Spiel von Malcolm Martineau, der Schuberts Atmosphären präzise zeichnet und den Stimmen ein Fundament gibt. Ein Abend voll eruptiver Schönheit – und ein mehr als würdiger Abschluss. Thomas Schiretz