Mallorca ohne Ballermann

Kultur / 05.09.2026 • 13:44 Uhr
Mallorca ohne Ballermann
Der neue Thriller von Till Raether ist im Rowohlt Verlag erschienen. Rowohlt

Mallorca kann sehr anders sein, vor allem, wenn es sich um einen Thriller handelt.

Schwarzach Es gibt wirklich edle Gegenden auf der Ballermann-Insel Mallorca. Weit weg vom Gemetzel sozusagen, aber blöd, wenn einem gerade dort etwas passiert. Doch alles von Anfang an. Zwei Familien, die genug um die Ohren haben, reisen nach Mallorca, um einen Urlaub “wie früher” zu machen. Also kein stressiges Sightseeing, keine fremden Kontinente, keine neuen Kulturen, man braucht bloß einen Tapetenwechsel und ist gewillt, sich aufeinander einzulassen. Paartherapie als Urlaub sozusagen. Klingt im Grunde vernünftig, doch in “Meeresdunkel”, dem neuen Thriller von Till Raether, kommt es gleich zu Beginn zur Bewährungsprobe, denn durch einen nicht zu klärenden Zufall hat man beide Familien in ein und dieselbe Villa gebucht. Da der Reiseveranstalter ihnen die halben Kosten nachlässt, versuchen sie es zusammen.

Mallorca-Thriller ohne Klischees

Das geht eine Zeit lang gut, da sich die drei Kinder der Familien, Juri und die Zwillinge Emsé und Finn, wie für Kinder üblich ihren Ferienspaß haben. Nicht zu vergessen: Juris mystische Puppe Hedwig, die interessanterweise von allen akzeptiert wird, spielt später eine gewisse Rolle. Außerdem kommen beide Familien aus Hamburg, dann hat es sich schon mit den Gemeinsamkeiten. Samuel ist erfolgloser Erfinder und stößt seine Familie ins finanzielle Dilemma, das Marie ausbaden muss. Hans kommt aus einer reichen Familie, das genügt im Grunde, grübelt jedoch an seiner Herkunft, in Deutschland kein einfaches Unterfangen, und Henrike würde noch gerne etwas erleben.
Die Paare scheinen sich sattzuhaben, zu unterschiedlich haben sich die Protagonisten in den Jahren weiterentwickelt, dazu wirken sie abgestumpft und desillusioniert. Gar nicht so überraschend, dass sich zwischen Henrike und Samuel ein heimliches Techtelmechtel entwickelt. Ziemlich blöd, dass gerade in einem Moment, in dem die Kinder mit dem Tretboot einen Ausflug aufs Meer machen, die beiden ihre Aufsichtspflicht mehr als vernachlässigen, die Kinder in einem plötzlich aufkommenden Sturm kentern und fast ertrinken. Gerettet! Aber dem ist nicht genug, denn in der Villa ereignete sich unterdessen eine Tragödie, eine der Personen liegt schwer verletzt am Küchentisch. Es ist von einem Gewaltverbrechen auszugehen.

Ein Fass zu viel geöffnet?

Bis dahin ist der Thriller auch wirklich ein gelungenes Exponat seines Faches: Der Ort ist gut gewählt, am Rande der Insel, kein guter Empfang, von einem WLAN gar nicht zu reden. Worte wie Erderwärmung laufen sich bekanntlich schnell tot, aber der Autor bringt eben die derzeitige Umweltsituation mit starken Bildern sehr gut ins Spiel, ohne jetzt zu moralisieren. Till Raether hat einen gewissen Biss, gegen die Touristen sowie gegen die allgemeine Verblödung. Wie im klassischen Thriller üblich, lässt er die Kinder samt Puppe intelligenter wirken, als sie wirklich sind. Aber das stört jetzt nicht weiter, weil in jedem Kapitel etwas passiert, was einen gerne weiterlesen lässt.

Leider kommt es im letzten Teil, wo es im Grunde um die Auflösung geht, zu Unstimmigkeiten, da es Till Raether für meinen Geschmack übertreibt. Verwandtschaften kommen ins Spiel, von denen man am Anfang nichts gewusst hat, ein alter Mann fungiert als Kai aus der Kiste und einiges mehr. Hier wurde meines Erachtens ein Fass zu viel geöffnet, das hätte es nicht gebraucht. Wem das jedoch gefällt und wer einen Thriller, entfernt von Ballermann und ähnlichen Verrenkungen, lesen will, der ist mit dem Thriller gut bedient. Martin G. Wanko

Till Raether, “Meeres Dunkel”, Rowohlt Verlag, 409 Seiten.