Britischer Glanz im Hagenhaus

Mezzosopranistin Anita Monserrat und Iain Burnside am Klavier mit einem kluge gebauten Programm.
Nendeln Es braucht keinen großen Apparat, um einen Abend groß zu machen. Eine Stimme, einen Flügel, einen Saal, der noch das leiseste Piano trägt: Vergangene Woche kam im Hagenhaus alles davon zusammen, dazu ein Programm, das klüger gebaut war, als der Blick auf den Zettel zunächst vermuten ließ.
Die britische Mezzosopranistin Anita Monserrat, derzeit in ihrer zweiten Saison im Opernstudio der Wiener Staatsoper, eröffnete mit Carmens Séguedille. Keine Pose, kein Augenaufschlag zu viel, sondern Verführung aus Rhythmus, mit einem Lächeln in der Stimme, das den Text trug, statt ihn zuzudecken. Wer nach der Pause die Habanera hörte, verstand die Klammer: Der Abend begann und gipfelte bei Bizet, ohne dazwischen je zur Nummernrevue zu werden.
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Dazwischen lag die eigentliche Arbeit. In drei Gesängen aus Berlioz’ „Les nuits d’été” zeigte sich, was diese Stimme kann. Die „Villanelle” federnd und beinahe beiläufig, „Le spectre de la rose” ins Halbdunkel zurückgenommen, mit langen, ruhig atmenden Phrasen, „L’île inconnue” mit der Leichtigkeit eines Segels, das eben Fahrt aufnimmt. Dorabellas „Smanie implacabili” geriet zum komödiantischen Wutausbruch, bei dem Monserrat das Pathos gerade so weit übertrieb, dass die Ironie hörbar blieb. Mahlers „Wer hat dies Liedlein erdacht” perlte im Volkston, ohne ins Niedliche zu kippen. Und dann Brahms: „Die Mainacht”, der dunkle Mittelpunkt des ersten Teils, jene einsame Träne, die im Saal noch nachbebte, als längst niemand mehr zu husten wagte.
Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe
Nach der Pause wurde die Dramaturgie offensichtlich. Korngolds „Come away death”, Finzis „It was a lover and his lass” und Berlioz’ „La Mort d’Ophélie” bildeten einen Shakespeare-Bogen von der Melancholie über den Frühling bis ins Wasser, eine Reihung, die man getrost dem Mann am Flügel zuschreiben darf.
Iain Burnside zählt zu den bekanntesten Musikern Großbritanniens, mehr als sechzig Aufnahmen, Moderator der BBC-Radio-3-Reihe „Voices”, Künstlerischer Leiter des Ludlow English Song Weekend. Vor allem aber ist er ein Kurator, und man hört ihm das an. Den Begleiter gab er an diesem Abend nie. Seine Vorspiele waren kleine Erzählungen, sein Pedal ein Farbregler, und wo andere stützen, setzte er Gegenlicht: Bei Ophelias Tod ließ er die Begleitfiguren so lange in der Schwebe, dass das Ertrinken beinahe freundlich klang.
In Xavier Montsalvatges „Canciones negras” wurde der Flügel dann fast zum Schlagwerk. „Punto de Habanera” schnippisch, die „Canción de cuna” auf ein Wiegen zurückgenommen, das man kaum lauter als Atem nennen mag, „Canto negro” als rhythmischer Ausbruch, bei dem Monserrat die Silben regelrecht schleuderte. Dass sich der kubanische Tonfall rückwärts mit Bizets Habanera verzahnte, war kein Zufall, sondern Programmgestaltung.
Rossinis „Una voce poco fa” setzte den Schlusspunkt: Koloraturen ohne Sportsgeist, dafür mit jenem kleinen, gefährlichen Lächeln bei jedem „ma”. Der Applaus geriet entsprechend, und er galt zu Recht beiden.
Dass ein Haus größe Künstler dieses Formats holt, ist die Auszeichnung einer Programmarbeit, die sich nicht mit dem Naheliegenden zufriedengibt.