Wer darf wo sein?

Theater Mutantes Stadtrundgang „Pipeline“ verbindet Bregenz, Wohnungssuche und gesellschaftliche Fragen.
Bregenz Eine Stadt lässt sich lesen wie ein Text. Manche Sätze stehen auf Plätzen und Fassaden, andere in Mietverträgen oder in Regeln, die festlegen, wer sich wo aufhalten darf. Mit „Pipeline“ entwickelt Theater Mutante einen theatralen Stadtrundgang, der Bregenz als offenen Bühnenraum erkundet. Das Publikum bewegt sich von der Lourdesgrotte über die Innenstadt bis zum Seebad Mili, und begegnet dabei Künstlerinnen und Künstlern.
Im Zentrum stehen zwei darstellende Künstler, die selbst auf Wohnungssuche sind. Sie ist Sängerin und möchte zum Theater, er arbeitet an einer Alternative. Ihre Suche nach einer leistbaren Bleibe führt mitten hinein in Fragen, die längst nicht mehr nur einzelne Menschen betreffen: Wem gehört die Stadt? Was macht eine Wohnlage begehrenswert? Wie viel Raum bleibt für jene, die sich die steigenden Preise nicht leisten können? Und welche Erwartungen sind mit dem Leben in Bregenz verbunden?
„Pipeline“ verbindet diese Fragen mit konkreten Orten. Ein Aussichtspunkt mit Blick auf Lindau wird zur Projektionsfläche für Vergleiche, Sehnsüchte und Begehrlichkeiten. An der Lourdesgrotte treffen Glaube und Hoffnung auf die sehr weltliche Frage nach attraktivem Grund. In der Innenstadt geht es ums Konsumieren, im Mili ums Baden. Die knappen Regeln des Stadtraums, „FKK: nein“ oder „Pipeline: kein Glas“, erzählen dabei ebenso viel über eine Gesellschaft wie große politische Debatten. Wer darf wo sein? Wer ist erwünscht? Wer muss sich seinen Platz erst erkämpfen?
Urbane Lebendigkeit
Theater Mutante scheut die Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Geflüchteten, Zugewanderten und Menschen am Rand der Gesellschaft nicht. Zwischen Hilfsbereitschaft und Abwehr, Integrationsbemühungen und bürokratischen Hürden werden Spannungsfelder sichtbar. Stimmen aus Wirtschaft, Kirche, migrantischen Initiativen und der Zivilgesellschaft fließen in die Textentwicklung ein. So entsteht ein Bild von Bregenz, das Widersprüche nicht glättet und Vielfalt als Ausdruck urbaner Lebendigkeit begreift. Der Titel „Pipeline“ verweist auf Verbindungen und Bewegungen: Menschen kommen an, ziehen weiter, bleiben, werden aufgenommen oder stoßen auf Grenzen. Der Rundgang fragt danach, welche Wege offenstehen und wo sie enden. Das Publikum bleibt nicht in der Rolle bloßer Beobachter. Durch theatrale Interventionen, Musik, Gesang, Schauspiel, partizipative Elemente und dokumentarisches Material entsteht ein gemeinsamer Denk- und Aktionsraum.
Theater Mutante wurde 2020 von den Brüdern Andreas und Sascha Jähnert in Vorarlberg gegründet. Das Theater verlässt die konventionelle Bühne und sucht die Begegnung dort, wo gesellschaftliches Leben stattfindet. Das Projekt soll den Dialog über Gegenwart und Zukunft der Stadt fördern und auch Menschen ansprechen, die Kulturinstitutionen mit Scheu begegnen. „Pipeline“ beginnt am 17., 18., 19., 25. und 26. September jeweils um 18 Uhr bei der Lourdesgrotte in der Gallusstraße 3. Der Weg führt durch die Innenstadt bis ins Seebad Mili, wo der Rundgang bei Sonnenuntergang endet. Am 17. und 26. September folgt dort um 20 Uhr die Podiumsdiskussion „Was tun?“.