Philosophicum Lech fragt nach der neuen Unmündigkeit

Kultur / 18.09.2026 • 10:24 Uhr
Philosophicum Lech fragt nach der neuen Unmündigkeit
Die Intendanten des Philosophicum Lech, Konrad Paul Liessmann und Barbara Bleisch.KIRSTIN TOEDTLING

Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann laden vom 22. bis 27. September in die Lechwelten ein.

lech Wenn Apps, Bots und Algorithmen Orientierung liefern, Entscheidungen vorbereiten oder gleich ganz abnehmen, wird Bequemlichkeit schnell zur geistigen Gewohnheit. Genau hier setzt das 29. Philosophicum Lech an. Unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ widmet sich das Symposium vom 22. bis 27. September in den Lechwelten der Frage, wie viel Selbstständigkeit im Denken eine digital geprägte Gesellschaft noch einfordert und wie bereitwillig Menschen Verantwortung an technische Systeme, politische Deutungsangebote oder Echokammern delegieren.

Die Intendanten Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann knüpfen damit an ein Grundmotiv der Aufklärung an. Was bedeutet Kants Aufforderung zum eigenen Denken in einer Gegenwart, in der KI häufig geistige Arbeit übernimmt? Und wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn unabhängige Wahrheitssuche, persönliche Freiheit und demokratische Urteilsfähigkeit nicht mehr selbstverständlich erscheinen?

Selber denken: Ein Konzept von gestern?

Zum Auftakt stehen am Dienstag die Philosophicum Dialoge auf dem Programm. Unter der Frage „Wie ist die Lage?“ diskutieren der Politikwissenschaftler Claus Leggewie und die Ethnologin Susanne Schröter über aktuelle politische und gesellschaftliche Konflikte. Danach widmen sich der Philosoph Stefan Gosepath und die Journalistin Anna Schneider der Frage „Was ist zu tun?“ und damit der Suche nach Orientierung in Zeiten sich überlagernder Krisen.

Am Mittwoch folgt das Remus-Impulsforum. Unter dem Titel „Selber denken: Ein Konzept von gestern?“ diskutieren unter anderem der Journalist und Autor Patrick Bahners sowie die Politikwissenschaftlerin Faika El-Nagashi. Am Abend treffen Bleisch und Liessmann auf die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer. Ihr Gespräch steht unter der Frage „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“.

Philosophicum Lech fragt nach der neuen Unmündigkeit
LAESSIGER PHOTOGRAPHY

Die offizielle Eröffnung am Donnerstag wird erstmals mit einem Streitgespräch der beiden Intendanten verbunden. An die Stelle eines klassischen Einführungsvortrags tritt eine pointierte Auseinandersetzung über das Jahresthema. Die Vortragsreihe beginnt am Freitag mit Richard David Precht, der über „Illiberalen Liberalismus“ und die paradoxe Verteidigung der Freiheit spricht. Marie-Luisa Frick fragt anschließend, ob Mündigkeit ein „dorniges Ideal“ sei. Roland Reichenbach beschäftigt sich mit dem Urteilen im „Reich der Meinungen“, Romy Jaster mit Vernunft im Zeitalter der Desinformation.

Philosophieren um Mitternacht

Am Samstag richtet die Rechtswissenschaftlerin und -philosophin Frauke Rostalski den Blick auf eine „vulnerable Gesellschaft“ und die Frage nach der Eigenverantwortung. Catherine Newmark untersucht das Verhältnis von Autorität, Anstrengung und Müdigkeit, Michael Butter spricht über Verschwörungstheorien als Krisensymptom. Die Soziologin Laura Wiesböck setzt sich mit psychiatrischen Diagnosen und dem Verlust widersprüchlicher Selbst- und Weltdeutungen auseinander.

Den Schlusstag prägen zwei Beiträge zur digitalen Gegenwart. Anna-Verena Nosthoff spricht über „kybernetischen Autoritarismus“ und digitale Regierungskünste, Rüdiger Safranski setzt mit „Entgeistert. Bemerkungen zur Wirkung der Künstlichen Intelligenz“ den letzten Vortragspunkt.

Ergänzt wird das Programm durch etablierte und neue Formate. Im Kunsthaus Bregenz wird philosophiert, ebenso am Berg auf dem Rüfikopf. Eine Sonderführung führt zum Skyspace Lech. Am Freitagabend wird der Tractatus, der Essaypreis des Philosophicum Lech, feierlich an die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter verliehen. Am Samstag gibt es erstmals das Kolloquium „Ausgezeichnete Gedanken“ mit der Vorjahrespreisträgerin Eva Weber-Guskar. Spätabends lädt Michael Fleischhacker zum „Philosophieren um Mitternacht“ in die Philosophen-Bar.