Wer denkt hier eigentlich selbst?

Das 29. Philosophicum Lech begann mit Debatten über Cancel Culture, Wahrheit und künstliche Intelligenz.
Lech Noch vor der offiziellen Eröffnung des 29. Philosophicum Lech wurde in den Lechwelten eifrig über das Selberdenken gesprochen. Das Remus-Impulsforum, moderiert von Michael Fleischhacker, stellte die Frage „Selber denken. Ein Konzept von gestern?“ ins Zentrum. Die jüngsten Landtagswahlen in Deutschland, Cancel Culture und die Zahl der Geschlechter bestimmten die Debatte.
Zu Beginn ordnete die Runde die Wahlerfolge von AfD und Linken in Sachsen-Anhalt und Berlin sowie das Abschneiden der politischen Mitte ein. Danach berichteten die Politikwissenschafterin und frühere Grün-Abgeordnete Faika El-Nagashi und die Autorin Mirna Funk von ihren Erfahrungen mit Cancel Culture. El-Nagashi ist wegen ihrer Aussagen zu biologischen Geschlechtern als faschistisch bezeichnet worden, Funk nach einer Äußerung zu Gefahren für die jüdische Community vom Comedia Theater Köln ausgeladen worden. Der Publizist Patrick Bahners hielt dagegen, die Unterdrückung von Meinungen durch sozialen Druck werde überschätzt.
Robert Misik wandte sich gegen die Selbstgewissheit, selbstverständlich zu jenen zu gehören, die selber dächten. Er ortete in solchen Diskussionen „eine klebrige Selbstgefälligkeit“ und vermutete, dahinter könne auch die Sorge stecken, dass es mit dem eigenen Denken vielleicht nicht so weit her sei.

Einen anderen Zugang bot der philosophisch-literarische Vorabend. Erstmals bestritten ihn nicht die Gründer Konrad Paul Liessmann und Michael Köhlmeier, sondern Liessmann gemeinsam mit Co-Intendantin Barbara Bleisch und der Schriftstellerin Raphaela Edelbauer, die aus ihrem Roman „Die echtere Wirklichkeit“ las. Die 36-jährige Wienerin hat sich schon in früheren Büchern an großen philosophischen Fragen abgearbeitet: „Das flüssige Land“ kreist um das Wesen der Zeit, „Dave“ um das Verhältnis von Mensch und Maschine. Diesmal geht es um den Übergang vom Denken zum Handeln, von der Theorie zur Praxis.
On-Command-Medien
Über Wahrheit und Wirklichkeit führte das Gespräch rasch zu Philosophie und Illusion. Edelbauer bekannte ihre Bewunderung für Ludwig Wittgenstein und dessen vielfältige Wege, Wahrheit zu überprüfen. Liessmann hielt Friedrich Nietzsche entgegen, dass der Mensch nicht Wahrheit, sondern Illusionen brauche.
Mit Bleisch und Edelbauer fragte Liessmann, ob Postmoderne und Konstruktivismus den Weg für alternative Fakten und Fake News bereitet hätten. Edelbauer interessierte, wie Menschen Theorien konstruieren, um selbst umfangreiche Studien zu ignorieren. Auch die Warnungen von OpenAI-Chef Sam Altman vor künstlicher Intelligenz kamen zur Sprache. Bleisch fragte, ob dahinter eine Firmenstrategie oder echte Besorgnis stecke. Liessmann verglich die Situation mit Platons Höhlengleichnis: Wir seien Höhlenbewohner, denen die Schattenbilder zugespielt würden. Edelbauer ergänzte, selbst die Unternehmen könnten die Vorgänge nicht mehr vollständig nachvollziehen. Ihre Aussagen müsse man hinnehmen, ohne sie überprüfen zu können.
Eine weitere Entwicklung im Unterhaltungssektor seien On-Command-Medien: Filme und Bücher könnten künftig mithilfe von KI nach individuellen Vorgaben maßgeschneidert werden. Edelbauer fragte, was aus einer Gesellschaft werde, wenn gemeinsame Bezugspunkte fehlten und die Fragmentierung weiter voranschreite.
Wie sich der zunehmenden Entmündigung begegnen lässt, blieb offen. Edelbauers abschließender Rat: “Ich empfehle, das Denken nicht abzugeben, aber das Denken von anderen Menschen anzunehmen”. Allerdings: “Wir sollten verhindern, dass Fakten als Meinung positioniert werden: Es gibt keine ‘Meinung’ zum Klimawandel.”