Lob der Zumutung

Kultur / 27.09.2026 • 13:20 Uhr
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Prämiert mit dem Tractatus 2026 wird die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter für ihr Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“.Lässiger Photography

Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erhielt beim Philosophicum Lech den Tractatus 2026 für ihr Buch „Opfer“.

LECH Es ist kein bequemes Buch, das die Jury des Tractatus heuer ausgezeichnet hat. In „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ untersucht Maria-Sibylla Lotter, wie Begriffe wie „Trauma“ oder „Gewalt“ in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gedehnt wurden. In guter Absicht, wie sie einräumt, aber mit fragwürdigen Folgen. Am Freitagabend erhielt die deutsche Philosophin in den Lechwelten den mit 25.000 Euro dotierten Preis, die Laudatio hielt Jurymitglied Daniela Strigl. Der auf Anregung von Michael Köhlmeier gegründete Essaypreis des Philosophicum Lech zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen für philosophische Essayistik im deutschsprachigen Raum und wurde heuer zum 18. Mal vergeben.

Diskursgeschichte

Lotters Diagnose lautet: Der emanzipatorische Impuls ist von den realen Verhältnissen in die Sprache abgewandert. Wo nur noch Opfer und Täter vorkommen, bleibt kein Platz für Ambivalenz und Selbstermächtigung. So steht es in der Begründung der Jury, der die Wiener Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, die Schweizer Philosophin Catherine Newmark und der deutsche Kritiker Ijoma Mangold angehören. Besonders gewürdigt wurde, dass die Autorin Diskursgeschichte konsequent als Begriffsgeschichte betreibt. Sie tut das anschaulich, mit Beispielen aus dem öffentlichen Leben wie aus eigener Erfahrung, und in „glasklar formulierter“ Sprache.

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Die Tractatus Jurymitglieder Catherine Newmark und Daniela Strigl, Preisträgerin Maria-Sibylla Lotter, Moderatorin des Abends Lisa-Maria Innerhofer und Jury Vorsitzender Konrad Paul Liessmann (v.l.n.r.) Lässiger Photography

Lotter wurde 1961 in Kassel geboren und hat sich in Zürich habilitiert. Seit 2014 lehrt sie Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum, außerdem schreibt sie regelmäßig für die NZZ und „Die Zeit“. Schon ihre Bände „Scham, Schuld, Verantwortung“ (2012) und „Schuld und Respekt“ (2024) umkreisten die kulturellen Grundlagen der Moral.

Vier Tugenden

Laudatorin Daniela Strigl baute ihre Rede entlang der vier Kardinaltugenden auf. Klug sei der Essay, weil er nicht bei der Diagnose stehen bleibe, sondern zeige, worauf es ankomme. Gerechtigkeit sei darin zugleich Thema und Verfahren. Lotter verteidige die Unschuldsvermutung gegen die Neigung zur Vorverurteilung. Ebenso würdige sie die Entlastung, die ein erweiterter Krankheitsbegriff und die Entstigmatisierung von Opfern vielen gebracht hätten. Tapfer sei es, als Hochschullehrerin festzuhalten, dass Triggerwarnungen in der Kunst kaum therapeutisch, wohl aber bevormundend wirkten. Mit Ingeborg Bachmann gesprochen sei das „Tapferkeit vor dem Freund“. Maßvoll schließlich sei die Autorin, weil sie streitbar formuliere, ohne streitsüchtig zu werden. Ganz im Sinne John Deweys verstehe sie sich als „Kritikerin von Kritiken“.

Wenn Schutz ausgrenzt

In ihrer Dankesrede schilderte Lotter, wie sich das Klima an den Universitäten verändert hat. Die Studierenden gingen heute aufmerksamer und rücksichtsvoller miteinander um als zu ihrer eigenen Studienzeit. Doch ab Mitte der 2010er-Jahre seien ihr zunehmend das Wort Trauma, Triggerwarnungen und der Begriff der Mikroaggression begegnet. Aus Konfliktbeteiligten wurden Täter und Opfer. Beunruhigt habe sie vor allem, dass gerade Auseinandersetzungen im Namen des Schutzes Verletzlicher eine enorme moralische Aggressivität entwickeln konnten. Das sei bis zur Verweigerung notwendiger Debatten gegangen.

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Die Laudatorin und Jury-Mitglied Daniela Strigl. Lässiger Photography

Die entscheidende Frage sei heute, wann eine richtige Korrektur selbst wieder korrekturbedürftig werde. Wer Menschen vor allem als verletzlich wahrnehme, lasse ein emanzipatorisches Anliegen in die Gegenrichtung laufen. Man müsse ihnen zutrauen, selbst zu handeln, Konflikte auszutragen und zu widersprechen. Ihr zentraler Satz wurde zum Motto des ganzen Abends: „Wer anderen etwas zutraut, kann ihnen auch Widerspruch zumuten.“

Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom Trio Tractatus. Es spielte einen für diesen Anlass komponierten Werkzyklus von Markus Nigsch.