Ein Gestalter mit weitem Blick

Boris Marte verband Kultur, Erinnerung und gesellschaftliche Verantwortung. Er starb am Montag im Alter von 62 Jahren.
Wien Boris Marte, 1964 in Bregenz geboren, hat als Kulturpolitiker und als prägender Kopf der Erste Stiftung das kulturelle und zivilgesellschaftliche Leben in Wien und weit darüber hinaus mitgestaltet. Nun ist er mit 62 Jahren an den Folgen eines Tumorleidens gestorben.
Es war ein warmer Frühlingstag, auf dem Wiener Judenplatz hatte die Historikerin Anne Applebaum eben ihre „Rede an Europa“ beendet, Hunderte Menschen standen noch auf dem Platz. Da trat Boris Marte ans Mikrofon, atmete tief und hörbar ein und aus, einmal, zweimal, dreimal, und bedeutete dem Publikum mit den Händen, es ihm gleichzutun. Nur wenige folgten ihm, ein wenig traurig sei er von der Bühne gestiegen. So hat es Andreas Treichl in seinem Nachruf festgehalten. Marte wusste an diesem Tag, dass er seine Krankheit bekämpfen, aber nicht mehr besiegen konnte. Zwischen 1998 und 2000 hatte er das von Simon Wiesenthal angeregte und von Rachel Whiteread gestaltete Denkmal auf dem Judenplatz gegen große Widerstände umgesetzt. Er verband das Gedenken an die Shoah mit der älteren Geschichte der Judenverfolgung in Wien, ohne die Einzigartigkeit des Holocaust zu schmälern. 2018 entwarf er die „Rede an Europa“ für diesen Ort. Seit Timothy Snyders erster Ansprache 2019 fragt die Reihe, welche Verantwortung aus der Erinnerung für Europas Zukunft erwächst.
Der Zukunftsmanager
Martes Laufbahn, Enkel des Bregenzer Bürgermeisters Karl Tizian, begann in der Politik. Von 1991 bis 1995 gehörte er dem Kabinett von Vizekanzler Erhard Busek an und arbeitete an der Vorbereitung des österreichischen EU-Beitritts mit. Danach leitete er das Büro des Wiener Kulturstadtrats Peter Marboe.
Vor rund 25 Jahren holte Andreas Treichl ihn zur Erste Bank. Aus dem Konzernsponsoring wurde eine umfassende Aufbauarbeit: Marte gründete 2002 „tranzit“, ein Netzwerk unabhängiger Kunsträume in Mittel- und Osteuropa. 2003 folgte die Erste Stiftung, 2004 die Kunstsammlung „Kontakt“, 2006 die Zweite Sparkasse für Menschen, die anderswo kein Konto erhielten. Es ging ihm um Teilhabe, Bildung und eine starke Zivilgesellschaft.
Auf dem alten Südbahnhofgelände plante Marte ein Kulturquartier mit Museen, Markthallen, Konzertsälen und einer Verbindung vom Belvedere in den Schweizergarten. Finanzkrise und fehlende Unterstützung der Stadt ließen davon den Erste Campus übrig, dessen offene Form seine Handschrift trägt. Von 2012 bis 2021 leitete er den Erste Hub. Dem Vorstand der Erste Stiftung gehörte Marte ab 2008 mit Unterbrechung an; 2021 übernahm er den Vorsitz. Ende 2025 gab er die Führung ab und blieb Berater. Wer mit ihm arbeitete, erlebte einen Denker, der weit in die Geschichte zurückblickte und weit in die Zukunft plante.
In Wien beheimatet, blieb er Vorarlberg, seinen Bergen, dem Bregenzerwald und Bregenz doch stets verbunden. Was Boris Marte ermöglicht hat, wird in den Institutionen weiterwirken, die er mit aufgebaut, und in den Menschen, die er ermutigt hat. Sein Atemholen auf dem Judenplatz bleibt als leise, eindringliche Geste in Erinnerung: die Hoffnung auf ein friedliches Europa nicht aufzugeben.