Die Gegenwart beim Stolpern beobachten

Martin G. Wanko versammelt in „Die Welt in zwei Jahren“ 24 Storys über die Absurditäten der Gegenwart.
Bregenz Es gibt Autoren, die die Welt erklären wollen, und solche, die ihr lieber beim Stolpern zusehen. Martin G. Wanko gehört entschieden zur zweiten Sorte. In seinem neuen Band „Die Welt in zwei Jahren“ versammelt der 1970 geborene Schriftsteller und Journalist, der in Graz und Bregenz lebt, 24 Storys und Notizen und zeigt, wie viel Gegenwart sich auf wenigen Seiten einfangen lässt.
Das Gewicht liegt zunächst auf der Titelgeschichte, die mit gut 25 Seiten das Zentrum des Bandes bildet. Danach wird es kürzer, schneller, frecher. Schon die Überschriften machen neugierig: „Bären abschaffen!“, „Post von Obama“, „Mozarts Dope“ oder „Einen Menschen zum Abfeiern, bitte!“. Wanko interessiert sich für das, was im Strom von Nachrichten und Timelines gewöhnlich untergeht, gesellschaftliche Zumutungen, mediale Verrenkungen, private Absurditäten. Er nimmt diese Dinge ernst genug, um genau hinzuschauen, aber nie so ernst, dass der Witz auf der Strecke bliebe.
Der Theaterautor, der mit der Groteske „Who killed Arnie?“ und dem Fußballtrainermonolog „Trainer, König, General“ bekannt wurde, weiß, wie man eine Pointe setzt. Sein Ton ist direkt, bissig, oft sarkastisch, gleitet aber nie ins Billige ab. Graz ist dabei ein wiederkehrender Fixpunkt, vom „Grazer Samstag ohne Markt“ über die Morgengedanken am Schloßberg bis zum lakonischen „Graz ist weg“. Dazwischen stehen Familiäres wie die „Elterlichen Ermittlungen im digitalen Zeitalter“, Saisonales vom Retro-Osterhasen bis zum „Alten Silvester“ und sogar eine Playlist, die hier selbstverständlich als literarische Form durchgeht.
Eine reizvolle zweite Ebene bilden die Schwarz-Weiß-Fotografien, die Wanko auf Instagram unter dem Namen superwa1970 veröffentlicht und hier erstmals im Druck zeigt. Sie illustrieren die Texte bewusst nicht, sondern begleiten sie als eigenständige visuelle Notizen. Wie im Vorwort zu erfahren ist, stand am Anfang ohnehin die Kamera, die ihm sein Vater für Urlaubsfotos in die Hand drückte – das Schreiben kam später.
So entsteht ein kurzweiliges, kluges Buch, das man nicht in einem Zug lesen muss, sondern immer wieder aufschlagen kann. Wer wissen will, wie die Welt in zwei Jahren aussieht, erfährt hier vor allem, wie seltsam sie schon heute ist.