Die Vermessung Italiens

SZ-Korrespondent Marc Beise, der die letzten Jahre in Rom verbrachte, nimmt Maß.
Schwarzach Jeder” ist gerne mal in Italien, das liegt vielleicht daran, dass sich Italien in Interessengebieten filetieren lässt: Adria, Toskana, Mailand, Rom oder Triest stehen alle für verschiedene Vorlieben. Man fährt immer wieder gerne hin, wechselt die Destinationen und bleibt auch trotz Hochsommer-Hitzerekorde der Halbinsel treu. Für Italien hat das weniger mit Melancholie zu tun als mit Zahlen: Unsere „Überfälle” machen laut Autor immerhin 13% des Bruttoinlandsprodukts der Halbinsel aus.
„Aber was macht Italien aus?”, fragt sich der Autor regelmäßig. Egal ob Piazza oder Parlament, die geführten Gespräche unter Einheimischen sind immer große Oper. Im Übrigen hat hier jeder seine favorisierte Piazza und auf dieser die dementsprechende Tratoria. Der Italiener liebt seine Umgebung, da nimmt er sich auch kein Blatt vor den Mund. In Italien ist die Piazza die Herzkammer des öffentlichen Lebens, res publica, „Wohnzimmer der Italiener“. Hier werden auch die große Politik und die sportlichen Erfolge verhandelt und schlussendlich gefeiert oder vernichtet. Wobei wir nun wieder bei den drei letzten Nicht-Teilnahmen bei der Fußball-WM sind: Hauptsache man ist im Tennis die Nr.1, könnte man sagen, ein Trost in dem Fußballland ist das kaum. Aber, und das ist nun wieder der Vorteil: Das Wohlergehen des Italieners beginnt laut Autor an der nächsten Bar, um die Ecke, bei einem Glas Wein oder Bier, am Strand oder beim Familienausflug.
Beim Essen wird alles gemacht, manchmal auch getötet, wie zumindest in Francis Ford Coppolas Pate, Teil 1. Es geht aber auch realistischer: In der Taverne Al Biondo Tevere saß der Autor und Filmemacher Pier Paolo Pasolini und aß dort an einem Seitentisch ein Hühnerbrüstchen, nachdem er zuvor bereits mit Ninetto Davoli im Lokal Pommidoro zu Abend gegessen hatte. Es war tatsächlich sein letztes Abendmahl, danach wurde er am Lido von Ostia, einem beliebten Ausflugsziel der Römer, heimtückisch ermordet. Noch heute fehlt der Mörder zum Verbrechen, der Platz im Lokal, wo Pasolini zuletzt saß und aß, ist mit einem Bild des Künstlers versehen und wird von seinen Fans kultisch verehrt. Und wie man so weiß, über die italienische Küche sollte man mit einem Italiener nicht streiten, aber wenn man es so richtig wissen will, bringt man den Historiker Alberto Grandi ins Spiel, der mit seinem Buch „Mythos Nationalgericht” die erfundenen Traditionen der italienischen Küche vor den Vorhang holt. Hier muss man kurz ausholen: Ende der 1970er-Jahre, nach der Ölkrise und dem plötzlichen Einbruch der italienischen Industrie, musste ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden, um einen neuen Glauben zu entwickeln und eine drohende Armut zu verhindern: „Klein und fein” war das Zauberwort, in kleinen Manufakturen erzeugte Nahrungsmittel wurden als der gesellschaftliche Kitt gesehen. Den Produkten hat man dazu eine erfundene Herkunft angedeihen lassen, die die große Tradition bestätigt. Aber so funktioniert eben Marketing und Werbung und ist Teil des Verkaufs. Das Spezifische ist eher wieder „die große Oper”, die hier drum herum veranstaltet wurde.
Martin G. Wanko