Dreißig Vögel und eine leere Mitte

Die Münchner Malerin Çiğdem Aky zeigt ab 10. Oktober in Hard neue abstrakte Ölbilder.
Hard Vor einem abstrakten Bild greift man fast reflexhaft nach einem Schlüssel: Was soll das darstellen, was wollte die Künstlerin sagen? Çiğdem Aky hält von diesem Reflex wenig. Die in München lebende Malerin verzichtet bewusst darauf, ihre Arbeiten mit Deutungen zu versehen. Jede festgeschriebene Bedeutung, so ihr Argument, ziehe zugleich eine Grenze, hinter die der Blick des Betrachters kaum noch zurückfinde. „Kunst funktioniert nicht ausschließlich über das Denken und Verstehen“, sagt sie. Man dürfe nicht vergessen, dass sie auch etwas Geistiges sei. Ihre Bilder sollen zuerst gesehen und gespürt werden. Ob man sie danach erklären kann, ist zweitrangig.

Von 10. Oktober bis 14. November sind ihre jüngsten Arbeiten in der Galerie Maximilian Hutz in Hard zu sehen. Mit dem Titel „Simurgh“ legt Aky dennoch eine Spur, und zwar zu einem der großen Texte der persischen Mystik. In den „Vogelgesprächen“ des Dichters Fariduddin Attar, auch als „Die Konferenz der Vögel“ bekannt, brechen Tausende Vögel auf, um den Simurgh, ihren König, zu finden. Die Reise ist lang und gefährlich, die meisten gehen unterwegs verloren. Nur dreißig erreichen das Ziel und begreifen dort, dass es den Gesuchten als fremde Gestalt nicht gibt. „Si murgh“ bedeutet auf Persisch „dreißig Vögel“: Am Ende stehen sie sich selbst gegenüber.

Als Schlüssel zu ihren Bildern will Aky das Epos ausdrücklich nicht verstanden wissen. Die Malerei sei nicht daraus hervorgegangen. Sie wisse aber, dass Besucher nach einem Zugang suchten, und biete den Mythos deshalb als Gedankenraum an, den jeder auf eigene Weise betreten könne. Seit einiger Zeit beschäftigt sie die Frage, wie sich etwas erfahren lässt, ohne es sofort in Begriffe zu übersetzen. In der alten Erzählung steckt für sie eine einfache, aber unbequeme Einsicht: Den Weg zu sich selbst kann einem niemand abnehmen, so sehr man auch auf Retter und Wegweiser von außen hofft. „Vielleicht besteht die eigentliche Reise deshalb nicht darin, etwas zu finden, sondern darin, uns selbst zu erkennen.“
Form, Farbe und Licht
Diese Haltung bestimmt auch, wie die Bilder entstehen. Aky beginnt ohne festen Plan und reagiert auf das, was sich auf der Leinwand gerade ereignet. Sie beschreibt das als Dialog zwischen sich, der Farbe und dem Material, in dem auch der eigene Körper Spuren hinterlässt: Bewegung, Entscheidung, Zögern, Eingreifen, Loslassen. Weil so vieles erst im Malen entschieden wird, will sie die fertigen Arbeiten auch nicht nachträglich auf eine eindeutige Aussage festlegen. Die Farben wählt sie intuitiv, im Zentrum ihres Interesses stehen Form, Farbe und Licht.

Gemalt sind die gezeigten Arbeiten in Öl, nass in nass. Jede neue Schicht kommt auf die noch feuchte darunter, die Töne verschmelzen so beinahe samtig miteinander, harte Kanten lösen sich auf. Neu ist, dass Aky die strenge Geometrie hinter sich lässt, die bislang den Kern vieler ihrer Bilder bildete. Das zentrale Element erhält seine Form nun aus breiten, gerundeten Pinselzügen. Mal dehnt es sich aus, in manchen Bildern fehlt es ganz. Eine Mitte, die man suchen muss, ohne sicher zu sein, sie zu finden.
