Die Frau, die auf den Gurkenkönig pfiff

Kultur / 12.10.2026 • 10:56 Uhr
Die Frau, die auf den Gurkenkönig pfiff
Generationen von Kindern sind mit ihren Büchern aufgewachsen: Christine Nöstlinger. APA/GEORG HOCHMUTH

Die österreichische Autorin Christine Nöstlinger wäre am 13. Oktober 90 Jahre alt geworden.

Schwarzach Ein Kind, das in einer Konservenbüchse geliefert wird. Ein Gurkenkönig, der sich bei einer Wiener Familie einnistet und den Vater auf seine Seite zieht. Ein Bub namens Franz, dessen Stimme piepsig wird, sobald er sich aufregt. Christine Nöstlinger hat Figuren erfunden, die Generationen von Kindern begleitet haben. Am 13. Oktober wäre die Wienerin 90 Jahre alt geworden.

Geboren 1936 in Wien-Hernals als Tochter eines Uhrmachers und einer Kindergärtnerin, erlebte sie das Kriegsende als Kind, eine Erfahrung, die sie 1973 in „Maikäfer, flieg!“ verarbeitete, einem der eindringlichsten Bücher über das Jahr 1945. Eigentlich wollte sie Malerin werden und studierte Gebrauchsgrafik. 1970 erschien ihr Debüt „Die feuerrote Friederike“, das sie selbst illustrierte. Es folgten mehr als 150 Bücher, übersetzt in viele Sprachen.

Was sie von den meisten Zeitgenossen unterschied, war der Blick von unten. Nöstlinger schrieb nicht über Kinder, sondern an ihrer Seite. Ihre Erwachsenen sind oft kleinlich, autoritär oder überfordert, ihre Kinder klüger, als man ihnen zutraut. „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1972) ist im Kern eine Parabel über Macht und Mitläufertum, getarnt als komische Familiengeschichte. „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“ (1975) nimmt die Sehnsucht nach dem perfekten, pflegeleichten Kind aufs Korn. Scheidung, Armut, Arbeitslosigkeit, erste Liebe: Nöstlinger holte diese Themen in die Kinderliteratur, als dort noch die heile Welt verordnet war.

Internationale Auszeichnungen

Die Anerkennung kam dennoch früh und international. Für den „Gurkenkönig“ erhielt sie 1973 den Deutschen Jugendbuchpreis, 1984 den Hans-Christian-Andersen-Preis, die höchste Auszeichnung der Kinderliteratur. 2003 wurde sie gemeinsam mit Maurice Sendak als Erste mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis geehrt. Daneben schrieb sie für Erwachsene: Glossen, Kolumnen und Dialektgedichte wie „Iba de gaunz oamen Leit“, in denen sie den Wiener Alltag mit scharfem Witz vermaß. Zu Politik und Gesellschaft bezog sie unmissverständlich Stellung, gegen rechts und für die Gleichberechtigung. Am 28. Juni 2018 starb sie in Wien.

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Zum 90er wird ihr Werk nun neu entdeckt. Am 16. Oktober kommt Alexandra Schneiders Dokumentarfilm „Nöstlinger – Sowieso und überhaupt“ österreichweit in die Kinos, mit teils unbekanntem Archivmaterial und Gesprächen mit ihren Töchtern sowie Stefanie Sargnagel und Ursula Strauss. Das Literaturmuseum der Nationalbibliothek zeigt bis 13. Februar die Ausstellung „Fliegende Katzen im Gemeindebau“ mit Objekten aus dem Nachlass. Der Residenz Verlag versammelt ihr gesamtes lyrisches Werk erstmals in einem Band, „I ken mi ned wiaglich aus auf da Wöd“. Bei echomedia erschien mit „Marie und die Wolke“ ihr letztes unveröffentlichtes Manuskript, illustriert von Tochter Barbara Waldschütz. Im Rabenhof Theater lesen Stefanie Sargnagel und Gerald Votava am Geburtstag aus ihrem Werk.

Dass Nöstlinger heute noch gelesen wird, liegt an ihrer Haltung: Sie hat Kinder ernst genommen, ohne sie zu belehren. Gurkenkönige gibt es nach wie vor. Ihre Bücher lehren, auf sie zu pfeifen.