Vaterland

Kultur / 14.10.2026 • 12:49 Uhr
Vaterland

VN-Kommentar von Gerald Matt.

Neulich sah ich Paweł Pawlikowskis Film Vaterland. Der nur 70 Minuten kurze Film ist ein Meisterwerk: über ein Deutschland nach der Katastrophe, über Heimat und Heimatlosigkeit, über die Verflechtung von Politik und Privatem und das Schicksal einer („außergewöhnlichen“) Familie – und darüber, was bleibt, wenn Städte, Landschaften und moralische Gewissheiten in Trümmern liegen.
1949 kehrt Thomas Mann nach Jahren des amerikanischen Exils erstmals nach Deutschland zurück. Seine politisch brisante Reise führt ihn von Frankfurt nach Weimar, vom Westen in den „roten“ Osten. Thomas Mann, der die nationalsozialistische Herrschaft aus dem Exil scharf verurteilt hatte, wird nun von beiden deutschen Seiten umworben. Beide berufen sich auf Goethe und wollen den großen Schriftsteller für sich vereinnahmen. Pawlikowski interessiert sich jedoch weniger für das historische Ereignis als für die persönlichen Risse, die dahinter sichtbar werden.

Aus der Deutschlandreise wird eine Reise ins Innere einer Familie. Im Film begleitet Erika (anstelle von Manns Frau Katia) ihren Vater – ein kluger dramaturgischer Schachzug. Zwischen Thomas und Erika Mann entsteht ein stilles, emotionales Kammerspiel. Während draußen das zerstörte Deutschland vorbeizieht, brechen im Inneren die alten Verletzungen und neue Tragödien auf. Die Nachricht vom Suizid von Klaus Mann legt sich wie ein Schatten über die Reise. Pawlikowski erzählt dies mit unerbittlicher formaler Disziplin. Die Schwarz-Weiß-Bilder von Łukasz Żal besitzen harte, wunderbare Konturen. Architektur, Räume, Gesichter und Landschaften werden zu graphischen Kompositionen. Die Kamera bewegt sich kaum; die Menschen wirken wie eingeschlossen – in ihren familiären Verwerfungen und der politischen Teilung Europas. Hanns Zischler spielt Thomas Mann mit bewundernswerter Beherrschung. Er hält an der Form fest, als könne sie vor dem Zusammenbruch schützen. Sandra Hüller ist ihm als Erika ebenbürtig. in den Ruinen der Städte spiegeln sich die Zerrissenheit der Seelen, in Berührungen, Blicken und im Schweigen zwischen Vater und Tochter, offenbaren sich die familiären Kränkungen und die gemeinsame Erfahrung, einem Desaster beizuwohnen.
Pawlikowkis Film erklärt die Geschichte nicht, sondern macht sie in Blicken, Gesten und Pausen erfahrbar. Das Private und das Politische stehen nicht parallel, sondern spiegeln einander. Die Reise durch ein geteiltes Land wird zur Reise durch eine beschädigte Familie. Pawlikowski setzt dabei auf die Kraft der Andeutung und des Unausgesprochenen, was seinem Film eine eindrückliche Tiefe beschert.

Dem Regisseur, der bereits mit Ida und Cold War seine Meisterschaft bewiesen hat, gelingt hier ein Film von seltener Intensität und Konzentration, den die Auszeichnung für die beste Regie in Cannes 2026 auch belohnte.
Vaterland ist klug, spannend, tragisch – und von eigentümlicher Aktualität. Vor allem aber ist er ein Film über das, was nach dem Desaster noch möglich ist: Blicke, Berührungen, ein stilles Erkennen. Den Film sollte man nicht missen.