Klaus Kinski: Der Mythos und der Abgrund

Der deutsche Schauspieler wäre am Sonntag 100 Jahre alt geworden.
Schwarzach Am 18. Oktober würde Klaus Kinski hundert Jahre alt. Zwischen schauspielerischer Wucht und persönlichem Abgrund lässt sich sein Werk kaum betrachten, ohne beides zusammenzudenken. Kinskis Präsenz begann oft, bevor er sprach: ein Blick, ein Zucken um den Mund, dann die aufbrechende Stimme. Auf der Leinwand wurde er zur Naturgewalt. In Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) führt er einen spanischen Konquistador durch den Dschungel, als hätte sich dessen Wahnsinn in seinem Körper festgesetzt. In „Fitzcarraldo“ (1982) spielt er einen Opernfan, der im Regenwald ein Opernhaus errichten will. Kinski verkörperte Besessene mit einer Intensität, als koste ihn jede Rolle etwas von seiner eigenen Unruhe.
Am 18. Oktober 1926 wurde er als Klaus Günther Nakszynski i Zoppot, dem heutigen Sopot in Polen, geboren. Nach dem Krieg begann er am Theater und wurde als Rezitator bekannt. Er trug Rimbaud, Villon, Nietzsche und das Neue Testament vor und verwandelte die Texte in expressive, oft provozierende Darbietungen. Das Kino machte ihn zum Gesicht des deutschen Genrefilms: In Edgar-Wallace-Verfilmungen spielte er undurchsichtige Außenseiter und Mörder; in David Leans „Doktor Schiwago“ (1965) erreichte er ein internationales Publikum.

Kinski drehte in Deutschland, Frankreich, Italien und Hollywood, nahm auch Rollen an, die seinem Ruf als kompromissloser Künstler wenig schmeichelten, und blieb unverwechselbar. Seine fünf Filme mit Werner Herzog wurden zum Kern seines Nachruhms: neben „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“ auch „Nosferatu – Phantom der Nacht“, „Woyzeck“ und „Cobra Verde“. Die Zusammenarbeit war von Konflikten geprägt. Herzog machte aus ihnen später den Film „Mein liebster Feind“ (1999), der den Mythos der beiden Männer zugleich weitertrug.
Rücksichtslosigkeit
Kinski schrieb an seiner Legende selbst mit. Interviews, Ausbrüche und seine 1975 erschienene Autobiografie „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ machten den Exzess zur öffentlichen Rolle. Das Temperament galt als Zeichen künstlerischer Freiheit, die Rücksichtslosigkeit als Preis des Genies. So konnte die Erzählung vom schwierigen Künstler lange die Frage verdrängen, was sein Verhalten für die Menschen bedeutete, die ihm nahestanden.
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2013 erhob seine älteste Tochter Pola in „Kindermund“ den Vorwurf, ihr Vater habe sie über Jahre sexuell missbraucht. Seine Tochter Nastassja schilderte ebenfalls, sie habe als Kind unter seinen Annäherungsversuchen und seiner Einschüchterung gelitten. Die Vorwürfe verändern, wie Kinskis Selbstinszenierung und die Bewunderung für seine Grenzüberschreitungen heute erscheinen.
Kinski starb am 21. November 1991 in Kalifornien, 65 Jahre alt. Was bleibt, ist ein Werk, das sich nicht bequem vereinnahmen lässt: Bilder von großer Intensität, Auftritte von verstörender Präzision und ein öffentliches Bild, das sich zu Recht nicht von den Berichten seiner Töchter lösen lässt. Zum hundertsten Geburtstag lautet die Frage nicht, ob Kinski ein Genie oder ein Ungeheuer war. Er war beides.