Ein Neunzigjähriger spielt für eine bessere Welt

Giora Feidman im TAK mit Musik des iranischen Komponisten Majid Montazer und mit einer Botschaft, die nicht altert.
Schaan Noch bevor Giora Feidman ein einziges Wort an sein Publikum richtet, hat er es schon für sich gewonnen. Er eröffnet den Abend im TAK mit „Schalom Alechem“, einem der bekanntesten jüdischen Lieder, singt, spielt und binnen Augenblicken singt der ganze Saal mit. Erst dann stellt der Klarinettist jene Frage, die sich bei einem 90-Jährigen aufdrängt: Warum er das eigentlich immer noch mache, warum er noch immer auf der Bühne stehe. Die Antwort liefert er gleich mit: „Für eine bessere Welt! Deshalb sind wir hier. Weil wir daran glauben.“ Musik sei Liebe, Musik sei Freundschaft, Musik sei Frieden. Und so trägt auch die erste Melodie den Titel des Programms: „For a Better World“.

Es ist das dritte Kapitel einer Tournee, die im Jänner 2022 mit „Friendship“ begann und zwei Jahre später mit „Revolution of Love“ fortgesetzt wurde. Seit Jänner dieses Jahres ist Feidman nun mit „For a Better World“ unterwegs, wieder ausschließlich mit Werken des iranischen Komponisten Majid Montazer. „Er schreibt. Ich spiele. Das ist unsere Mission“, bringt Feidman die Arbeitsteilung auf den Punkt. Dass hier ein israelischer Jude die Musik eines Iraners zum Klingen bringt, ist in diesen Zeiten mehr als eine schöne Geste. Es ist die gelebte Botschaft des Abends: Frieden, Versöhnung, Hoffnung.
Persische Klangfarben
Feidmans Klarinette kann lachen, weinen, klagen und jubeln, oft innerhalb weniger Takte. Er selbst nennt sie das Mikrofon seiner Seele, und genau so klingt sie auch. Sein Ton hat eine Wärme, die eher an eine menschliche Stimme erinnert als an ein Holzblasinstrument. Montazers Melodien, die klassische Formen mit persischen Klangfarben verbinden, kommen diesem Spiel entgegen: Sie lassen Raum für das Atmen zwischen den Phrasen, für das leise Verklingen ebenso wie für den ausgelassenen Tanz. Feidman geht es um den Gesang, um die Linie, um den einen Ton, der trifft.

Dass die Klezmermusik, deren Wurzeln in den jüdischen Gemeinden Osteuropas liegen, heute aus Hochzeitssälen und Gemeindefesten in die großen Konzerthäuser der Welt gefunden hat, ist zu einem guten Teil Feidmans Verdienst. Geboren wurde er 1936 in Buenos Aires als Sohn jüdischer Einwanderer aus Bessarabien. Schon Vater, Großvater und Urgroßvater spielten Klezmer bei Hochzeiten und Festen; mit 13 begleitete der Sohn den Vater bei Auftritten, mit 18 saß er im Orchester des Teatro Colón. 1956 wanderte er nach Israel aus und spielte fast zwei Jahrzehnte im Israel Philharmonic Orchestra, ehe er sich in den 1970er-Jahren ganz der Solokarriere widmete.
80. Bühnenjubiläum
In Deutschland gelang ihm 1984 mit Peter Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols „Ghetto“ der Durchbruch, weltweit bekannt wurde er durch die Filmmusik zu Steven Spielbergs „Schindlers Liste“. Auch in Caroline Links „Jenseits der Stille“ ist seine Klarinette zu hören. Sein Spiel reicht längst über den traditionellen Klezmer hinaus und verbindet ihn mit Klassik, Tango, Jazz und zeitgenössischer Musik. Für seine Verdienste um die deutsch-jüdische Verständigung erhielt er 2001 das Große Bundesverdienstkreuz. Musik versteht er als universelle Sprache, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion verbindet.
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Am 25. März feierte Feidman seinen 90. Geburtstag mit einem Konzert in der Berliner Philharmonie. Die Tournee hatte im Jänner in der Hamburger Elbphilharmonie begonnen, rund 150 Konzerte spielt er pro Jahr, quer durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein. Und das nächste Jubiläum steht schon vor der Tür: 2027 feiert Feidman sein 80. Bühnenjubiläum. Ans Aufhören denkt er nicht. Warum auch? Die Antwort hat er an diesem Abend selbst gegeben.