Die menschliche Verfassung

Das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung präsentierte am Donnerstag mit Felix Römer „Das letzte Band“ von Samuel Beckett.
Bregenz Die Bühne ist ein Schaufenster in der Bregenzer Maurachgasse und hinter der Scheibe isst der Mann eine Banane – in einem Satz, sodass sie ihm fast im Hals stecken bleibt. Genüsslich hat er sie zuvor begutachtet und sich mit ihr ohne Worte dem Publikum präsentiert: Schmatzend, grunzend und mit einer sinnlichen Begeisterung für das geschälte Obst, die leicht befremdlich wirkt. Der Mann heißt Krapp, hat seine 69 Jahre endlich hinter sich und durch die vielen allein in seiner kleinen Wohnung verbrachten Stunden ist er etwas sonderbar geworden.

Was das Theater Unpop in diesem 1958 entstandenen Einpersonenstück von dem irischen Autor Samuel Beckett, einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, zeigt, ist die menschliche Verfassung, die der österreichische Schauspieler Felix Römer in den verschiedenen Facetten hervorragend übertrieben simuliert. Anfangs im langen Bananenvorspiel als vielleicht etwas seniler Mensch, der sich vorsichtig an seinen Bühnenraum heranwagt und Licht, Zuschauer und seine Requisiten einzeln erkundet. Und so wie er dem Publikum still entgegengrinst, wirkt er doch glücklich und zufrieden. Es ist ein langsamer Start, denn auch die Evolution des Menschen braucht seine Zeit. „Das letzte Band“ in der Regie von Stephan Kasimir thematisiert anhand des Protagonisten Krapp, was aus einem Menschen geworden ist – vom im Moment lebenden Wesen, das neugierig und gierig seine Umwelt aufnimmt, bis zum missmutigen, verbitterten alten Mann, der sich in seinem früheren Ich nicht mehr wiedererkennt und in Dauerschleife um die eigenen Gedanken kreist.
In den Erinnerungen vor- und zurückspulen
Resigniert schaut Krapp auch in Bregenz in die Vergangenheit zurück und beschäftigt sich in seinem tätigkeitslosen Dasein mit dem, was ihm noch vom Leben übriggeblieben ist: Die eigenen tagebuchartigen Aufzeichnungen eines gescheiterten Schriftstellers, aber immerhin auch ein paar schöne Momente, die er dreißig Jahre zuvor auf Tonband gesprochen hat. Und so wird immer wieder auf die gleiche Szene zurückgespult, in der Krapp in der Zeit zurückversetzt die vergangenen Gefühle nocheinmal und nocheinmal durchleben kann, bis er in Gedanken sinnierend den Rekorder umarmt.
Wort für Wort tastet er sich an seine Erinnerungen heran, die er schon auswendig gelernt nachplappert. Kopfnickend und kopfschüttelnd hängt er an seiner eigenen Stimme fest und greift einzelne Wörter heraus. Und einige Zeit später wird er auf diese Tonspuren nicht nur verhalten reagieren, sondern sie auch aktiv kommentieren – auf einem neuen, vielleicht letzten Band. „Gut, dass es überstanden ist“, sagt er. „Alte Dreckskugel“, schimpft er. Und „kaum zu glauben, dass ich jemals so blöd war.“
Der alte Krapp
Aber nicht der Monolog ist das Zentrale an der Handlung, sondern die gelebten Momente eines schon älteren Menschen, der etwas unzufrieden auf seine Vergangenheit zurückblickt, während er sich körperlich schon im zukünftigen Stadium befindet. Es geht um die komischen für andere meist unangenehmen Laute und Geräusche seiner Körperfunktionen, das langsame Herumkramen in seiner Wohnung und das Warten auf die Bewegung der Spule, die ganz nah vor seinem Gesicht ihre Kreise zieht und die Gesten und Mienen, die seine leichte Schwerhörigkeit schon andeuten, noch bevor Krapp an der Lautstärke dreht. Felix Römer hat diese Eigenarten mit einer verblüffenden Präzision und unaufdringlichem Humor verkörpert.
Weitere Veranstaltungen am 6. November, 20 Uhr, 8. November. 17 Uhr, 13. November, 20 Uhr und am 15. November um 17 Uhr.
Sieglinde Wöhrer