Wie sauber ist das Ländle?

Der zweite Band nimmt den Mythos vom sauberen Vorarlberg erneut auseinander: präzise, pointiert und ohne Häme.
Schwarzach Der zweite Band von „Mi subers Ländle“ nimmt den Mythos vom sauberen Vorarlberg erneut auseinander: präzise, pointiert und ohne Häme.
„Grüaß di Gott, mi subers Ländle“, heißt es im alten Volkslied. Dass das Ländle so sauber nicht ist, hat bereits der erste Band dieser Sammlung belegt. Nun legt VN-Politikchef Michael Prock als Herausgeber mit einem Buch nach, das man nur schwer aus der Hand legen kann.

Führerschein-Affäre
Sechzehn Kapitel versammelt der Band, geschrieben von einer beachtlichen Riege, darunter Barbara Tóth, Christian Rainer, Horst Schreiber, Johannes Huber und Maximilian Werner. Die Spannweite reicht von der Führerschein-Affäre, bei der zeitweise fast jeder zweite Prüfling durchfiel, bis zum Spanner-Skandal beim SCR Altach, von Bürgermeistern, die ihr Gehalt lieber geheim hielten, über den Holocaust-Vergleich im Landtag, der mit einem selbst erbetenen Ordnungsruf endete, bis zu Kälber, die bis nach Usbekistan gekarrt werden. Lara Hagen zeichnet nach, wie ein Hohenemser Gynäkologe trotz schwerster Vorwürfe noch zwölf Jahre lang ordinieren durfte. Prock selbst seziert das Ende der „Marke Vorarlberg“, die viel Geld kostete und unter anderem ein Urdinkelbrot für die Chancen der Kinder hervorbrachte. Und er erzählt die herrlich absurde Vorgeschichte jenes Frastanzers, dessen Name unter der größten Spende der AfD-Geschichte steht: Als FPÖ-Landesgeschäftsführer entsorgte er einst 2000 orange BZÖ-Regenjacken nach und nach in den Müllcontainern im Hof.

Besonders stark ist das Buch dort, wo es Denkmäler abklopft. Horst Schreiber zeichnet Hermann Gmeiner als Visionär und absoluten Herrscher zugleich. Brigitte Kompatscher dokumentiert, wie lange das offizielle Land der bekennenden Nationalsozialistin Natalie Beer die Treue hielt, so ist sie beispielsweise in Au bis heute Ehrenringträgerin. Florian Gasser erinnert daran, dass Ferdinand Riedmann, Motor der Schweiz-Bewegung von 1919, ein Antisemit und verurteilter Vergewaltiger war.
Einfach nur Menschen
Zwei Klammern heben den Band über eine bloße Chronik hinaus. Kathrin Stainer-Hämmerle erklärt eingangs, warum gerade ein kleines Land der kurzen Wege mehr Transparenz braucht, nicht weniger: „Vertrauen ohne Kontrolle wird zur Gutgläubigkeit.“ Und Prock führt mit kurzen, persönlichen Zwischentexten durch die Kapitel, etwa mit der Erinnerung an einen tobenden Agrarlandesrat am Telefon. So entsteht ein roter Faden: Oft sind es Medien, Rechnungshof oder Tierschützer, die aufdecken und oft richtet sich der erste Reflex gegen die Überbringer. Selbstgerecht wird der Ton dabei nie. Die Autorinnen und Autoren unterscheiden zwischen Skandal, Affäre und bloßem „Gschmäckle“, sie lassen offen, was offen ist, etwa im Siemens-KHBG-Komplex, in dem Ermittler Steckdosen zählten, um alte Rechnungen zu prüfen. Und sie haben Sinn für Pointen. Christian Rainer bringt es auf die Formel: „Die Arlberg-Republik ist nicht schmutziger als andere – sie ist nur höher gelegen.“ Am Ende steht eine Einladung zum genauen Hinsehen. „Wir Alemannen sind weder fleißiger noch sparsamer noch sauberer als andere“, schreibt Prock. „Wir sind einfach nur Menschen.“ Dass er das eine gute Nachricht nennt, ist eine schöne Conclusio dieses unbequemen, gründlich recherchierten und erstaunlich unterhaltsamen Buches. Ein dritter Band ist angedeutet. Der Stoff, so viel ist sicher, geht nicht aus.
Die offizielle Präsentation des Buches findet am Freitag, 13. November um 19.30 Uhr im J.J.Ender Saal in Mäder statt. Inklusive Autorenvorstellungen und Talk mit Kathrin Stainer-Hämmerle und Christian Rainer. Um Anmeldung wird gebeten: nina.winkler@edition-v.at
Michael Prock (Hg.): Mi subers Ländle. Weitere politische Machenschaften, Skandale und andere Affären. Mit einem Kommentar von Kathrin Stainer-Hämmerle. edition V, Dornbirn 2026, 196 Seiten, ISBN 978-3-903240-70-4.