Doppelzüngigkeit als Karrieregarant?

Zum VN-Kommentar „Abgründe“ von Johannes Huber, VN vom
5. 6. 2021:
Johannes Huber spricht mir aus der Seele. In meiner langen öffentlichen Dienstzeit habe ich, verstärkt ab den 90ern, da gingen viele knorrig-ehrliche Hofräte in Pension, mehr als einmal erlebt, dass es im Sinne der Karriere durchaus zielführend sein kann, öffentlich anders zu sprechen als zu denken. Bezirkshauptmann Gerhard Beck, der vor rund 30 Jahren in der Nähe eines ORF-Mikrofons sich seinen Frust über eine verhaltenskreative Mitarbeiterin von der Seele redete und dann zurücktreten musste, hat das hautnah erlebt. Dass man in vertrauter Runde über einen Vorgesetzten lästert und, wenn dieser auftaucht, umgehend „Süßholz raspelt“, kennen Charaktere, die ehrlich zu sich selbst sind, aus eigener Erfahrung. Durch das „Leaken“ von Chats in sozialen Medien kommt jetzt nur häufiger die Wahrheit ans Licht, wo es früher Investigativ-Journalisten gebraucht hat. Jung, dynamisch und eloquent, kombiniert mit ausgeprägtem Ellenbogeneinsatz, bis man selbst Chef ist, greift auf Dauer für eine erfolgreiche Führungsposition zu „Kurz“. Die biblische goldene Regel, den anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, ist jedenfalls nachhaltiger als die gewiefteste „Message-Control“. Besonders für die eigene Gesundheit. Mehr als einmal erlebte ich Menschen, die frühzeitig erkrankten, weil Seele oder Körper den doppelzüngigen Karriere Alltag nicht ertragen haben.
Dr. Klaus König, Lauterach