Leserbrief: Nun sag, wie hast du’s mit der Bibel?

Schmerzlich ist es, sich von mumifizierten Mythen zu verabschieden. Die Bibel, wie der Koran, wurde von mehr oder weniger inspirierten Menschen geschrieben. Wäre Gott ein rächender, weniger inspirierter, wären alle Ungeheuerlichkeiten der Geschichte undenkbar. Anscheinend greift er in menschliches Geschehen nicht ein, jedenfalls nicht, wie der Mensch es sich wünscht. Der Gott, der zu Abraham sagt: Geh vor mir und werde ganz (integer = ganz), respektiert dessen Entscheidungsfreiheit und ermutigt ihn zur Bewusstwerdung. Der Gott, der in Jesaias sagt: Sollten deine Sünden rot wie Scharlach sein, so will ich sie weiß wie Schnee machen, kann nur bedingungslose Liebe sein. Niemand weiß, wer Gott ist, Jesus sagt, er sei die Liebe und nennt ihn mein Vater, euer, unser Vater, dessen Reich in unserer Mitte ist. Jesu Lehre ist kein versteinertes, theologisches Konstrukt, sondern ein lebendiger Wegweiser zur Liebe hin durch Selbsterkenntnis. Diese Liebe besitzt eine dem Menschen ziemlich fremde Logik! Den Feind zu lieben, i. e. ihn zu verstehen versuchen, ihn nicht zu verurteilen und ihm siebenundsiebzig mal sieben zu vergeben, den blendenden Balken vor eigenen Augen zu erkennen, den gleichen Lohn für später wie für früh angekommene Feldarbeiter neidlos zu akzeptieren – so was übersteigt menschliche Vorstellungskraft, ist jedoch, was der Wegweiser veranschaulicht!
Marie-Thérèse Mercanton, Bludenz