Nun sag, wie hast du‘s mit der Bibel?
Morgen feiern wir den „Sonntag des Wortes Gottes“, der von Papst Franziskus 2019 eingeführt wurde. Natürlich ist jeder Sonntag, ja jeder Tag ein „Bibeltag“. „Der der Bibel gewidmete Tag soll nicht einmal im Jahr, sondern einmal für das ganze Jahr stattfinden“, so Franziskus. Also geht es auch um die Frage: Wie hast du es mit der Bibel?
In Zeiten des Priestermangels wird immer öfter zu Wortgottesfeiern eingeladen, damit sich die Gemeinden um ihre Mitte, um Jesus Christus versammeln, auch wenn keine Eucharistie gefeiert werden kann. An dieser Stelle gilt allen Leiter:innen der Wortgottesfeiern landauf, landab ein großes Danke für ihren so wertvollen Einsatz! Doch die Erfahrung zeigt auch, dass sich manche damit immer noch schwertun. Und wenn es um eine persönliche Auseinandersetzung mit der Bibel geht, fühlen sich viele schon überfordert, wenn sie die Bibel nur in die Hand nehmen. Drum legen sie sie gleich wieder beiseite. Der Sonntag des Wortes Gottes ermutigt uns, tiefer zu entdecken, was das Wort Gottes für uns eigentlich bedeutet! Dazu ein paar Gedanken:
Persönlich begleitet mich die Bibel schon fast das ganze Leben lang. Was mich immer wieder fasziniert ist, dass diese Texte niemals erschöpft sind. Auch wenn ich eine Bibelstelle gut kenne, kann es sein, dass mir in einer neuen Lebenssituation eine ganz neue Dimension dieses bekannten Bibelwortes aufgeht. Es ist spannend, ermutigend, auch herausfordernd, mit der Bibel unterwegs zu sein. Und wenn ich etwas nicht verstehe, macht es mich neugierig und lädt ein, dranzubleiben.
Ein zweiter Gedanke: Das Wort Gottes hat sakramentalen Charakter. Von der Verkündigung in den Gottesdiensten sagt das II. Vatikanische Konzil: „Christus selbst ist in seinem Wort inmitten der Gläubigen gegenwärtig.“ – Genauso wie ich Christus in der hl. Kommunion begegne, begegne ich ihm im verkündeten Wort! Das bedeutet auch: Die Texte der Bibel dürfen nicht einfach so dahingesagt sein – weder von der Person, die sie verkündet, noch für die, die sie hören. Diesen wichtigen Gedanken sollten wir tief in uns aufnehmen: „Christus selbst ist in seinem Wort inmitten der Gläubigen gegenwärtig.“
Ein dritter Gedanke: Gott wirkt durch sein Wort. Es bewirkt, was es ansagt: „So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“, heißt es im Buch Jesaja. Anders formuliert: Die heilige Wandlung, die uns allen so wichtig und wertvoll ist, die gibt es auch in jeder Wortgottesfeier! Nämlich dann, wenn uns aus der Heiligen Schrift verkündet wird! Da will uns dieses Wort treffen, in uns wirken, uns wandeln. Die Offenheit des Beschenkt-werden-Wollens, eine Portion gesunde Neugierde ist da angebracht. Das Wort Gottes ist nie leer und wirkungslos. Es ist immer Schöpfungswort, auch wenn es heute unter uns „wiederholt“ wird. Wir lesen in unseren Gottesdiensten nicht aus historischem Interesse die Bibel, sondern weil wir im Glauben gewiss sind, dass das, was uns da gesagt wird, heute für uns gegenwärtig wird.
Vom Schriftsteller und Gottsucher Alfons Rosenberg stammt folgende berührende Erfahrung: „Getrieben vom Wunsch, ins Unbekannte zu verschwinden und alle bestehenden Bindungen aufzulösen, flüchtete ich – zwanzigjährig – auf eine einsame Insel und fand Unterschlupf bei einer Familie, die hier ein kleines Schloss bewohnte. Ich suchte ein Paradies der Freiheit. Der Familie half ich bei der bäuerlichen Arbeit und bei der Restaurierung des Schlösschens. Mit der katholischen Kirche hatte ich noch kaum Berührungspunkte, ich kannte deren Praxis genauso wenig wie die Lehre der Kirche … Wir restaurierten Räume des Schlösschens, manche waren schon wiederhergestellt, in anderen lagen noch Schutthaufen. Eines Abends … stöberte ich … in einem Schutthaufen im sogenannten Musiksaal … Aus dem Schutt schaute die Ecke eines übel mitgenommenen Buches hervor. Ich zog es aus einem mir unbewussten Grund heraus – es waren die Evangelien. Ich nahm das zerschundene Buch mit in mein Schlafzimmer, legte mich aufs Bett und begann zu lesen – die ganze Nacht hindurch bis zum Aufgang der Sonne und noch länger. Was war geschehen? Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben die Evangelien gelesen, ohne Kommentar, ohne Anleitung durch einen Menschen. Auf einem Schutthaufen hatte ich dieses Buch gefunden – zerschlissen und unwert, doch bot es mir das Kostbarste, was es in dieser Welt gibt: die Freundschaft Gottes, oder wie dies in der überlieferten Sprache ausgedrückt wird: die Gotteskindschaft. Aber das sind bloße Vokabeln – nicht was wir fassen, sondern was wir nicht fassen können, ist für uns entscheidend und wandelt uns. Unfassbar war mir das Evangelium, und doch so vertraut. Ich schlang es lesend in mich hinein – an keiner Einzelheit hielt ich mich auf, und doch prägte sich eine jede unvergesslich ein. Ich las nicht neugierig, aber jeden Teil mit dem Blick aufs Ganze. Und aus diesen knappen Texten, Berichten und Predigten wuchs mir von Stunde zu Stunde mehr eine Gestalt empor, die mich zuerst mit immer größerem Staunen, dann mit einem Übermaß an Liebe erfüllt: Jesus, der Fremde, der unsäglich Nahe. Diese Erfahrung Jesu als ein niederzuckendes, auf Erden brennendes Feuer blieb mir seitdem Maßstab für alles … In den Stunden einer Nacht hat sich Jesus durch sein Evangelium geoffenbart.“
