Mensch werden – geistvoll leben – verstehen
Zu Pfingsten werden wir im Feldkircher Dom wieder mit wunderbarer Musik beschenkt:
Der Domchor singt die „Missa Sancti Henrici“ von Heinrich Ignaz Franz Biber. Ich genieße es immer sehr, der Musik zu lauschen und mich in die Worte der gesungenen Liturgie zu versenken.
Im „Credo“, dem Glaubensbekenntnis, welches als Teil des sogenannten „Ordinariums“ der Messe in musikalische Klänge eingekleidet ist, heißt es: „Et homo factus est“. Das bedeutet „Er (Jesus Christus) ist Mensch geworden.“ Wenn ich diese Worte in der Kirche höre, dann denke ich – typisch Theologe – an das Glaubensgeheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus.
Man kann jedoch die Worte „Et homo factus est“ auch ganz einfach für sich, ohne Zusammenhang, übersetzen mit „Der Mensch ist geworden“. Ein Musiker sagte mir in einem Gespräch, er denke an dieser Stelle des Credos immer an die Erschaffung des Menschen.
Die Menschwerdung erklingt in mir
Ich erinnere mich gerne an dieses Gespräch und bin fasziniert davon. Von selbst wäre ich vor lauter theologischem Denken auf diesen einfachen Gedanken gar nicht gekommen: Die Worte einfach für sich nehmen! Dabei bekommt dieses „für sich nehmen“ einen doppelten Sinn: Ich nehme die Worte „für sich“, in ihrer einfachen und bildhaften Bedeutung, ohne komplizierte Theorie. Und ich nehme die Worte auch „für mich“: Ich bin von Gott geschaffen und ins Leben gerufen. Ich bin geworden, weil ich gewollt und geliebt bin. Ich darf immer wieder neu der Mensch werden, der ich sein kann, mit allem Wunderbaren und Genialen, das der Lebendige selbst in mich hineingelegt hat. Ich freue mich, an Pfingsten inpsirierende Musik in mich aufzunehmen, wodurch das Geheimnis der Menschwerdung in mir neu erklingt.
Der Geist, der lebendig macht
Im Buch Genesis wird erzählt: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7). Das Credo nennt bezeichnet den Heiligen Geist als den, der „Herr ist und lebendig macht“. Mein Leben ist nicht nur bestimmt von der Erde und vom „Staub“, von den harten Fakten des Materiellen, sondern vom Lebendigen, das in mir drinnen immer wieder neu entstehen möchte: Ich darf ein geisterfüllter Mensch sein und es immer wieder neu werden. „Spiritum sanctum Dominum et vivificantem“ – „Der Heilige Geist, der Herr ist und lebendig macht“: Wenn ich diese Worte in wunderbarer Vertonung höre, dann werde ich dankbar für das Leben, für alle Klänge von Freude und Hoffnung, für den frischen Wind von Begeisterung und Kreativität und für neue Ideen, die mir immer wieder geschenkt sind.
Geistvoll zusammen
Wenn die Sängerinnen und Sänger unseres Domchores zu Pfingsten diese Worte von der Menschwerdung und der Geistbegabung zum Klingen bringen, dann vereinen sich die einzelnen Stimmen des Chores zu einem großen Ganzen. Es braucht Menschen, die die Worte der Liturgie in sich aufnehmen, um sie mit ihrer Stimme erklingen zu lassen. Aus unterschiedlichen Menschen, aus verschiedenen, persönlich geprägten Stimmen entsteht etwas Großes, das unsere Kirche erfüllt, das unsere Herzen berührt und uns inspiriert.
Die unterschiedlichen Menschen und verschiedenen Stimmen, die zum Chor werden, sind ein Bild für das Zusammenwirken in der Gemeinschaft, und auch für das Wirken des Geistes, der möchte, dass wir eine Gemeinschaft werden, dass wir einander verstehen, und dass wir gemeinsam viel Gutes und Geistvolles bewirken können.
Einander verstehen
Ich danke den Sängerinnen und Sängern unseres Domchores und allen Musikerinnen und Musikern. Durch ihre Kunst lerne ich vieles neu verstehen, zum Beispiel was es heißt: „Der Geist macht lebendig.“ Ich danke jenem Musiker, der mich zum Nachdenken über die Menschwerdung gebracht hat. Danke an alle, die den Mut haben, Menschen des Miteinanders, des Engagements und des Verstehens zu sein – oder es immer wieder zu werden. So öffnen sich Räume für den Heiligen Geist.
Ich schließe mit einem Zitat von Hannah Arendt: „Verstehen ist nicht-endend und kann daher keine Endergebnisse hervorbringen.“
