Leserbrief: Lustenau besteht den demokratischen Härtetest nicht

Das VN-Interview vom 14. Oktober mit Bürgermeister Patrick Wiedl offenbart ein fragwürdiges Demokratieverständnis. Er verweist zwar auf die ablehnende Haltung Lustenaus, hält die Volksbefragung und deren Ergebnis aber für falsch. Dabei sind 77 Prozent Ablehnung ein unmissverständlicher Auftrag an Bürgermeister und Gemeindevertretung, aktiv gegen die geplante S 18-Variante aufzutreten. Den Bürgerwillen lediglich zur Kenntnis zu nehmen, reicht nicht. Dass es anders geht, zeigt Höchst: Obwohl weniger betroffen, vertritt die Gemeinde ihre Interessen deutlich entschlossener. Auch ohne Parteistellung können Gemeinden politischen Einfluss ausüben. Dazu gehören Verhandlungen mit den Schweizer Nachbarn auf Augenhöhe, ohne dass ein Beharren auf dem Status quo und rote Linien akzeptiert werden. Man hat den Eindruck, dass der Landesregierung die Schweizer Haltung politisch durchaus gelegen kommt. Hoffnung machen Lustenaus Bürger, die sich trotz enormer Verkehrsbelastung und mangelnder Unterstützung durch die Landesregierung gegen eine Variante wehren, die zusätzlichen Verkehr bringt, Lustenau zwischen zwei Autobahnen einklemmt und Naherholungsräume zerstört. Auch finanziell ist das Projekt erschreckend: 250.000 Euro pro Meter S 18 stehen rund 145.000 Euro bei der laut Spiegel teuersten deutschen Autobahn, der Berliner Stadtautobahn, gegenüber. Eine gewaltige Hypothek für kommende Generationen. Demokratie bedeutet nicht nur, Bürger zu befragen, sondern ihren Willen auch politisch ernst zu nehmen.
Kurt Wohlgenannt, Dornbirn