„Vor einer Vermögensteuer muss niemand Angst haben“

Foto: Vv/hartinger
Christian Felber hat einen Traum. Immer mehr Firmen versuchen ihn zu realisieren.
Lustenau. Das Restaurant Freigeist in Lustenau ist bis auf den letzten Platz besetzt, am Tisch in der Mitte diskutieren der Vorstand der Hypo Vorarlberg, Michael Grahammer, der Leiter des Ethikcenters, Michael Willam, und Christian Felber, der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung, die immer mehr Anhänger findet, über die Zukunft des Euro. Und sind sich natürlich nicht immer einig. Für Banker Grahammer war klar: Wer fordert, was der Salzburger Autor will, der versteht nichts von Volkswirtschaft. Und die Lustenauer Gäste können vieles unterschreiben, was der ehemalige Vorstand der globalisierungs- und wirtschaftskritischen Organisation Attac fordert. Nur bei einer Idee schlucken einige: Er regt an, ein halbes Prozent Vermögensteuer zu kassieren. „Davor muss niemand Angst haben.“ Rund 90 Prozent der Menschen seien davon überhaupt nicht betroffen, wenn man als Schwelle 550.000 Euro Vermögen nehme.
Neue Wirtschaftsordnung
Die Alternativen zu dieser Maßnahme schildert der Buchautor im Gespräch mit den VN so: „Weltweiter Bankenzusammenbruch, Staatsbankrott, Bürgerkriege.“ Es müsse also im Interesse der Vermögenden sein, wenn durch diesen kleinen Obolus der soziale Friede gewahrt werde, argumentiert er. Und für seinen Weg einer neuen Wirtschaftsordung findet er immer mehr Mitstreiter. Nicht in der großen Politik. Die habe zuerst die Voraussetzungen für einen entfesselten Kapitalismus geschaffen und zeigt sich nicht bereit, diesen Fehler auszubügeln. Ganz anders sei das bei Politikern auf regionaler Ebene. Über Parteigrenzen hinweg interessieren sie sich für neue Wege, sind offen für Gespräche.
Human, sozial, gerecht
„90 Prozent der Österreicher“, so der Buchautor, „wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung“, weil die jetzige sich zu weit von den Menschen entfernt habe. Wie ein neues Modell aussehen könne, wissen sie zwar nicht, „aber im Groben haben sie sehr wohl eine Vorstellung“, ist er sicher. „Sie wollen eine humanere, sozialere und gerechtere Wirtschaft. „Eben das, was auch Demokratien ausmacht“, stellt Felber fest.
Eine neue Wirtschaftsordnung findet aber auch dort immer mehr Anhänger, wo damit nicht unbedingt gerechnet wird: Bei den Unternehmen. „Täglich erhalten wir Anfragen von Firmen, wie sie sich einbringen können, wie sie die Gemeinwohlökonomie umsetzen können.“ Auch Banken und Sparkassen seien darunter, etwa die in München beheimatete Sparda Bank und – was Felber besonders freut – die Raiffeisenbank Lech.
Prominente Unternehmen
In Vorarlberg sind bereits jetzt eine ganze Reihe prominenter Unternehmen Mitglied im Gemeinwohlökonomie-Netzwerk, z. B. die Handwerksbetriebe DorfInstallateur und Dorfelektriker. Hubert Rhomberg vom gleichnamigen Bauunternehmen ist
Gemeinwohl-Botschafter.
Das am Montag eröffnete erste Holzhochhaus in Dornbirn ist sichtbarer Ausdruck dieser verantwortungsvollen Haltung gegenüber Mensch und Umwelt. Fast 1000 Unternehmen, hauptsächlich in Deutschland und Österreich, haben sich bislang den Grundsätzen der Gemeinwohlwirtschaft verpflichtet. „Und täglich werden es mehr.“
Zur Person
Christian Felber, geboren 1972, studierte romanische Sprachen, Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie in Wien und Madrid. Er ist die prominenteste Stimme der Globalisierungskritik in Österreich, Mitbegründer von Attac, Autor, Universitätslektor und Referent. Zuletzt erschienen folgende Bücher: Neue Werte für die Wirtschaft (2008), Kooperation statt Konkurrenz. Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft (2010, aktualisierte Neuausgabe 2012) und Retten wir den Euro! (2012).
Gemeinwohl in 3 Min.
Die „Gemeinwohl-Ökonomie“
beschreibt die grundlegenden Elemente einer alternativen Wirtschaftsordnung. Sie wählt dabei drei Zugänge:
» Der Wertewiderspruch zwischen Markt und Gesellschaft soll aufgehoben werden. In der Wirtschaft sollen dieselben humanen Werte belohnt werden, die zwischenmenschliche Beziehungen gelingen lassen.
» Verfassungskonformität. Die Wirtschaft soll mit den heute bereits in den Verfassungen westlicher Demokratien enthaltenen Werten und Zielen übereinstimmen, was gegenwärtig nicht der Fall ist.
» Die wirtschaftliche Erfolgsmessung soll von der Messung monetärer Werte (Finanzgewinn, BIP) auf die Messung dessen, was wirklich zählt, die Nutzwerte (Grundbedürfnisse, Lebensqualitätsfaktoren, Gemeinschaftswerte) umgestellt werden. Die erste Version des Modells inklusive Gemeinwohl-Bilanz wurde von einem Dutzend Unternehmen aus Österreich 2009 und 2010 entwickelt.
Informationen im Internet unter www.gemeinwohl-oekonomie.org