„Wiedereingliederung“

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Bei einer Tagung von AK und GKK in Rankweil wurden positive Beispiele diskutiert.
Rankweil. Langzeitkranke Mitarbeiter so zu unterstützen, dass die Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag erleichtert oder möglich wird: Darum bemühen sich Arbeiterkammer und Gebietskrankenkasse schon seit Jahren. In der Schweiz ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement in großen Unternehmen bereits etabliert. Bei der SBB etwa wurde eine spezielle Einheit eingerichtet, die sich um diesen Prozess kümmert. Als ein Schlüsselelement nennt der Leiter des Case-Managements, Dr. Urban Studer (51), dass die Verantwortung dem Mitarbeiter gegenüber während der gesamten Zeit bei seinem ursprünglichen Vorgesetzten bleibt. Die fachliche Begleitung des Falls übernehmen Spezialisten. Finanzier ist die Rentenversicherung.
Ist betriebliche Wiedereingliederung eine lohnende Investition wie Sie sagen?
Studer: Ich sehe da immer zwei Seiten, nämlich die Seite der Mitarbeitenden und die betriebswirtschaftliche Seite. Was die Mitarbeiter betrifft: Die Kernressourcen, die ein Unternehmen hat, soll es selbst betreuen. Und Personal ist eine Kernressource, und sich da entsprechend zu engagieren ein sozialer Faktor. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen wirtschaftlich funktionieren. Da ist es gerechtfertigt zu fragen, ob sich eine solche Maßnahme lohnt oder nicht.
Und – tut sie es?
Studer: Bei langer Erkrankung entstehen hohe Kosten. Gute und angepasste Maßnahmen reduzieren diese Kosten. Das wissen wir mittlerweile aus unseren sechs Jahren Erfahrung.
Was verstehen Sie unter angepassten Maßnahmen?
Studer: Das heißt, jemanden wieder so in die Arbeit zurückzuführen, dass mit seiner gesundheitlichen Einschränkung die entsprechende Tätigkeit ausgeübt werden kann.
Ist das im Sinne eines jeden Mitarbeiters oder bedeutet das mitunter nicht auch eine Art von Zwangsbeglückung?
Studer: Meine Beobachtung ist die, dass sich viele vorstellen, sie wären zufrieden, wenn sie nicht mehr arbeiten müssten. Im höheren Alter kann das so sein. Bei jüngeren Menschen sieht es anders aus. Erhebungen zeigten, dass bei jenen, die vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, die Diagnosen häufiger wurden und es vermehrt zu psychischen Erkrankungen kam. Ich denke, der Anreiz ist gering, früher in Pension zu gehen.
Arbeit ist also immer noch ein wichtiger Integrationsfaktor?
Studer: Arbeit macht gesund und Arbeit macht krank. Die Balance zu finden ist die Herausforderung.
In Österreich gestaltet sich die Implementierung eines Wiedereingliederungskonzepts nach Langzeitkrankenständen zäh. Wie war das in der Schweiz?
Studer: Die SBB hat auch mehrere Anläufe genommen. Wenn ich jetzt so in Betriebe ähnlicher Größenordnung schaue, lässt sich feststellen, dass es einen guten Trend gibt, eigene Eingliederungs-Managements aufzubauen.
Brauchen solche Projekte eine Freiwilligkeit?
Studer: Ich würde sagen, die meisten Unternehmen kümmern sich um ihre Mitarbeiter. Ein Eingliederungsmanagement, wie wir es betreiben, macht bei unserer Größe Sinn. Ein mittleres Unternehmen kann das nicht in diesem Umfang haben.
Wie viele Fälle betreuen Sie jährlich und erreichen die Arbeitnehmer durch den sanften Einstieg wieder ihre volle Leistungsfähigkeit?
Studer: Bei rund 30.000 Beschäftigten gibt es pro Jahr etwa 1300 solcher Fälle. Wir sind aufgrund der Vielzahl an Berufsbildern überdurchschnittlich stark von Langzeitkrankenständen betroffen. Aber: Es gehen 52 Prozent der Personen wieder in ihre angestammte Tätigkeit zurück. 15 Prozent können in eine andere Tätigkeit vermittelt werden. Die Lohnausfälle werden zum großen Teil durch Rentenleistungen kompensiert.
Sollten AK und GKK also an der Sache dranbleiben?
Studer: Unbedingt.