Eine Nische in über 200 Meter Höhe

Markt / 26.05.2015 • 22:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Schwindelerregender Arbeitsplatz für die Spezialisten von Lehrgerüstbau: Die Taminabrücke im Kanton St. Gallen.  Fotos: LGB  
Schwindelerregender Arbeitsplatz für die Spezialisten von Lehrgerüstbau: Die Taminabrücke im Kanton St. Gallen. Fotos: LGB  

In Pfäfers entsteht mit Hilfe aus Vorarlberg die größte Bogenbrücke der Schweiz.

Meiningen. „Schwindelfrei muss man schon sein“, unterstreicht Geschäftsführer Florian Wilhelm eine ganz wichtige Eigenschaft der Mitarbeiter der Lehrgerüstbau GmbH (LGB). Die Vorarlberger Firma bedient eine Nische, die immer dort ist, wo spektakuläre Brücken entstehen, derzeit an der 200 Meter hohen Baustelle der Taminabrücke zwischen den Orten Pfäfers und Valens (CH), und in Norwegen, wo circa 500 Kilometer nördlich von Oslo die „Tresfjordbrua“ gebaut wird.

Wenn die Brücken fertig sind, ist allerdings von der Präzisionsarbeit der Vorarlberger Spezialisten nichts mehr zu sehen. Wie der Firmenname sagt, baut LGB nämlich das Lehrgerüst, eine Hilfskonstruktion zum Bau von Brücken, die meist aus Stahlträgern besteht. Diese Konstruktionen ermöglichen den Baufirmen die Montage der Schalung und Verarbeitung der Betonage. Wenn das erledigt ist, werden auch die Lehrgerüste wieder abgebaut. Die Meininger Firma wird gerufen, wenn der Brückenbau besonders knifflig ist. „Wir sind bei anspruchsvollen Projekten in ganz Europa gefragt“, bestätigt Wilhelm im VN-Gespräch.

Größte Bogenbrücke

Die Brücke im Kanton St. Gallen ist für die Lehrgerüstspezialisten eine besondere Herausforderung. Zur Verbindung der beiden kleinen Bergdörfer wird in einer Höhe von 200 Metern über dem Talgrund die größte Bogenbrücke der Schweiz errichtet. Die Schlucht wird von einer Brücke mit einer Gesamtlänge von 417 Meter überbrückt, wobei der dazu verwendete Betonbogen eine Spannweite von 260 Meter aufweist. Bereits im Vorfeld des Baus hat LGB mit den Baufirmen den Einsatz der Gerüste geplant. Ein intensives Jahr lang dauerte diese Vorbereitung, so Wilhelm, der das Projekt leitete. Zu den Aufgaben der Meininger gehörte die Entwicklung der Bauteile und deren Verwendung während des fünf Jahre dauernden Baus.

Dabei war auf die schwierige Geländesituation Rücksicht zu nehmen, die für nervenaufreibende Momente sorgte. „Bedingt durch die starke Querschnittsverjüngung, und um Kollisionen mit den vorhandenen Stromkabeln zu vermeiden, wurde ein Freivorbaugerüst ohne auf der Bogenoberseite angeordnete Querträger entwickelt“, schilderte Wilhelm eine der Speziallösungen, die den Mitarbeitern vor Ort alles Können abverlangten.

Entstanden ist die Firma im Jahr 1965 als „Sparte der Sparte Brückenbau“ der Götzner Baufirma Wilhelm + Mayer. Durchgestartet hat die LGB 1995 in einer neuen unternehmerischen Konstellation: Herbert Keckeis und Werner Wilhelm gliederten den Lehrgerüstbau von Wilhelm + Mayer aus. Bereits zuvor, im Jahr 1988, wurde eine Partnerschaft mit dem auf Traggerüstbau spezialisierten Zürcher Unternehmen Eduard van Randen AG geschlossen, das 2002 in die LGB eingegliedert wurde. 34 Mitarbeiter zählt LGB heute, der Umsatz betrug 2014 knapp vier Millionen Euro. Das Geschäft allerdings wird nicht leichter für den Nischenplayer: „Zum einen sind die meisten Brücken bereits gebaut, zum anderen herrscht Ebbe in vielen Staatskassen“, so Wilhelm. Auftraggeber für neue Talübergänge ist zu nahezu 100 Prozent die öffentliche Hand. Immer öfter wird LGB für Brückenabbrüche engagiert, erzählt Herbert Keckeis, einer der Gründer und Mitgeschäftsführer von LGB. Doch eine Brücke zu bauen, erfülle die Gerüstbauer mit weit mehr Stolz als ihr Abbruch, stellen die beiden Ingenieure fest.

Die Gerüstteile für den Bau der eleganten Brücke wurden von LGB entwickelt und vor Ort aufgebaut.   
Die Gerüstteile für den Bau der eleganten Brücke wurden von LGB entwickelt und vor Ort aufgebaut.   

Fakten

Taminabrücke (Graubünden)

» Gesamtlänge: 417 Meter,  Betonbogenspannweite: 260 Meter, Höhe 200 Meter

» Bauzeit: 2012 bis 2017, Vorbereitung: rund ein Jahr

» Gesamtgewicht der Gerüste: 1950 Tonnen

» Gesamtkosten: 37 Mill. Franken

Fa. Lehrgerüstbau GmbH (LGB)

» Gegründet: 1965 als Abteilung des Bauunternehmens, Ausgliederung im Jahr 1995

» Geschäftsführung: Herbert Keckeis, Florian Wilhelm

»Mitarbeiter: 34

» Umsatz 2014: 4 Mill. Euro