„Der Börsenboom wird kräftig weiterlaufen“

03.06.2015 • 20:18 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Investor Hendrik Leber (l.) und Christoph Wirnsperger (W&L Asset Management) im Gespräch mit den VN. Foto: Vol/Rauch  
Investor Hendrik Leber (l.) und Christoph Wirnsperger (W&L Asset Management) im Gespräch mit den VN. Foto: Vol/Rauch  

Wo Value-Investor Hendrik Leber noch Aktien findet, die niemand haben will.

Schwarzach. Knapp 3,5 Milliarden Euro verwaltet Hendrik Leber mit seiner Acatis Investment GmbH. Er gilt als einer der bekanntesten Value-Investoren. Heißt, er sucht unterbewertete Aktien: Aktien in der Krise, in unterschätzten Branchen oder aus unpopulären Ländern. Kurzum: Er investiert, wenn der Wert höher ist als der Preis. Genauso wie seine Vorbilder Benjamin Graham oder der derzeit bekannteste Vertreter dieser Strategie – der US-amerikanische Multimilliardär Warren Buffett. Von ihm stammt auch der Spruch. „Reich wird, wer in Unternehmen investiert, die weniger kosten, als sie wert sind.“

Die Börsen haben seit Monaten einen tollen Lauf mit deutlichen Kurssteigerungen gezeigt. Nach wie vor gibt es Qualitätsaktien zu einem halbwegs fairen Preis. Wer allerdings richtig günstig kaufen will, muss auch einen gewissen Mut mitbringen. Dennoch, sagt Leber, der auf Einladung der Vermögensverwalter Wirnsperger & Ludescher im Vorarlberger Medienhaus referierte, wird es immer schwieriger, Aktien zu finden, die unterbewertet sind. Das sehe man auch an der Sicherheitsmarge, also dem Abstand zwischen dem Preis und dem geschätzten inneren Wert. Sie war schon bei 30 Prozent und liegt heute bei 15 Prozent.

Chancen in Indien

Unterbewertete Aktien findet Leber derzeit noch in Indien oder in Turnaround-Situationen. Japan sei zwar von den Bewertungen die preiswerteste Börse, aber eben auch von den Renditen. „Ich habe dort nur verängstigte Bürokraten gesehen“, sagt der Investor im VN-Gespräch. „Die Produktionsunternehmen waren vor Jahrzehnten einmal spannend. Heute machen die Japaner ungern Rendite. Also ist der Markt wenig attraktiv für mich.“ Auch von Rohstoffen lässt Leber lieber die Finger. „Die fasse ich ungern an“, sagt er. Eine unterschätzte und somit attraktive Branche ist für ihn der IT-Bereich. „Der wächst seit 30 Jahren wie mit der Schnur gezogen.“ Spannend findet er zum Beispiel den NetzwerkAusrüster Cisco oder auch „Langweiler“ wie Microsoft. Dafür seien Aktien, die jeder haben wolle, derzeit „maßlos teuer“.

Im Portfolio hat Leber auch „einen gefallenen Engel“, nämlich McDonalds. „Die werden sich neu erfinden können. Denn der Mensch will Fett und Zucker. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis.“ In Südeuropa würde er gerne investieren, er finde nur derzeit wenige Aktien, die gefallen, also billig sind. In Griechenland seien das Schmucklabel Folli Follie oder der Lotteriebetreiber Opap.

Es geht weiter

Einer möglichen Korrektur an den Börsen sieht Leber indes gelassen entgegen. Frische Luft schade prinzipiell nie. Dennoch glaube er, dass der Börsenboom noch kräftig weiterlaufen wird „Wir werden erst dann die Höhe des Aktienbooms erleben, wenn der Taxifahrer erzählt, dass er in Aktien investiert. Denn erst wenn es einen Herdentrieb gibt, kommt es zum Boomverhalten“, ist der Investor überzeugt.

Bei Anleihen empfehle es sich „mit ganz offenen Augen zu schauen“. Nach Montenegro oder in die Mongolei beispielsweise. Also Anleihen anfassen, die niemand anfassen will. Dennoch müsse man bei Anleihen auf der Suche nach Rendite mittlerweile ein so hohes Risiko eingehen, dass die Aktie die bessere Wahl sei.
Bei der Wahl der Aktien setzt Leber vor allem auf den Geschäftsbericht des Unternehmens. „Den unterschätzen viele“, ist er überzeugt. Beim Soft- und Hardwarehersteller Oracle zum Beispiel habe er auf Seite 90 gelesen, „dass die Margen im Software-Lizenzgeschäft bei 93 Prozent liegen“. Und was man als Value-Investor sowieso braucht, ist Geduld. Denn wie hat schon Vorbild Warren Buffett gesagt: „Eine Aktie, die man nicht 10 Jahre zu halten bereit ist, darf man auch nicht 10 Minuten besitzen.“

Zur Person

Dr. Hendrik Leber

geschäftsführender Gesellschafter der Acatis Investment GmbH

Geboren: Februar 1957 in Essen

Ausbildung: BWL-Studium

Laufbahn: Berater, Senior-Projektleiter bei McKinsey, Gesellschafter Metzler Consulting KG, seit 1994 Acatis