Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Grüß Gott in der Servicewüste

Markt / 04.11.2015 • 22:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Älteren werden sich noch erinnern: An die strikten Regeln, welchen der sogenannte Parteienverkehr in Ämtern und Institutionen unterworfen war. Vormittags und sonst nie – die Bittsteller standen nach 12 Uhr mittags vor verschlossenen Türen, die Beamten durften bei ihrer Tätigkeit nicht gestört werden.

Erst in den letzten Jahren setzte eine Trendumkehr ein. In Rathäusern und Bezirkshauptmannschaften, in Kammern und beim Land sprach man statt von „Parteien“ von Kunden, und die durften plötzlich den ganzen Tag vorsprechen, ihre Anliegen in den Amtsstuben ausbreiten oder zumindest am Servicepoint darlegen. Dann konnten die Amtspersonen entscheiden, was weiter passieren soll. Immerhin, freute sich der geübte Staatsbürger über so viel Entgegenkommen. Eine Entwicklung, die übrigens auch in speziellen Bereichen der Privatwirtschaft denselben Verlauf nahm. In den Banken. Nicht umsonst werden Angestellte von Geldinstituten noch heute als „Bankbeamte“ bezeichnet.

Der Öffnungszeiten-Frühling, der in den 90er-Jahren einsetzte, ist aber nun zu Ende. Seit Anfang dieses Monats haben die Finanzämter wieder auf das alte System umgestellt: Offen ist von 7.30 bis 12 Uhr und damit basta. Nur am Donnerstag darf man länger vorsprechen, ansonsten brauchen die Beamten Zeit für das Wesentliche, so die Begründung der Finanzämter. Genug geredet: Die Öffnungszeiten-Kürzung sorge dafür, dass die Staatsbediensteten, statt sich mit ihrem Brötchengeber – dem Steuerzahler – herumzuschlagen, endlich wieder zum Abarbeiten der Akten kommen. Und außerdem könne man über das Internet sowieso rund um die Uhr Kontakt aufnehmen. Ein Argument, das übrigens auch Banker gerne verwenden, wenn sie eine Filiale schließen.

Es mag so sein, dass sich die Zeiten ändern, dass auch die Bürger lieber via Internet ihre Geldgeschäfte abwickeln. Ob es das richtige Signal ist in Zeiten, wo der Staat (ebenso wie die Banken) dramatisch an Reputation verliert, ist allerdings eine andere Sache. Willkommen in der Servicewüste.

Es mag sein, dass Bürger lieber via Internet ihre Geldgeschäfte abwickeln. Aber das sollte zu denken geben.

andreas.scalet@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-862