Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Regionalität – ein Marketing-Gag

Markt / 11.11.2015 • 22:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Eigentlich ist alles ganz einfach. Regionalität ist für alle ein Gewinn: die Wertschöpfung bleibt im Land, die Produzenten sind vor Ort und natürlich erst recht die Kunden. Regio­nalität, das beruhigt das Gewissen der Konsumenten, die noch lieber als zu Bioprodukten zu solchen aus dem Land greifen.

Regional, das heißt „auf ein Gebiet begrenzt, beschränkt; gebietsweise, räumlich, lokal“. Doch schon mit der geografischen Festlegung tun sich viele schwer. In unserem Fall ist Vorarlberg regional, klar. Oder doch nicht? Während es Supermarktketten gibt, die Waren aus dem Land korrekt auszeichnen, fassen manche Diskonter den Begriff nicht so eng: Ganz Österreich ist für sie die Region: Wo regional draufsteht, kann deshalb auch Niederösterreich drin sein. Oder sonst ein Landstrich.

Für große Industrie- und Logistikunternehmen ist die Region überhaupt viel größer. Für sie ist z. B. ganz Mitteleuropa eine Region. Nicht vergessen darf der regional eingestellte Kunde zudem die unmittelbare Nachbarschaft über der Grenze: Tettnang etwa oder die Insel Reichenau. Im Handel kann der bewusste Konsument wenigstens noch selbst entscheiden, wie regional er sein will.

Aber es sind längst nicht nur Lebensmittel, für die sich der geneigte Regionalist entscheiden muss. Regional ist selbstverständlich auch die Küche, die ein Land wie Vorarlberg (und jedes andere Gebiet natürlich) auszeichnet. Im besten Falle steht Regionalität für heimische Gerichte, kreativ und mit ganzer Handwerkskunst zubereitet. In Wirklichkeit aber wurden die kreativen regionalen Köche der Region längst ausgebootet. Regional ist jetzt alles, was nicht ausdrücklich italienisch, chinesisch oder griechisch zubereitet wurde. Die Trittbrettfahrer freuen sich über den Trend und machen, was sie schon bisher gemacht haben. Sie rühren ihre Fertigsoßen an, frittieren die Pommes, und panieren das Fleisch vom günstigen deutschen Großhändler zum Schnitzel – halt regional wie immer. Ein willkommener Trend, um den kulinarischen Durchschnitt neu zu benamsen.

Regionalität ist aber längst mehr. Multinationale Versicherungen sind ebenso bodenständig wie die Händler von Baustoffen – schon die Niederlassung in einer Region ist ihnen Anlass genug, um sich das derzeit noch begehrte Label „regional“ umzuhängen. Doch die inflationäre Verwendung wird das Ihre dazu beitragen, dass wir allesamt bald froh sein werden, wenn wieder ein wenig Internationalität unserer Region ein bisschen Farbe gibt, und zuweilen auch nachhaltiger ist als das, was uns heute unter der regionalen Flagge angeboten bzw. aufgedrängt wird.

Der Regionalitätshype wird dazu beitragen, dass wir froh sein werden über ein wenig Internationalität.

andreas.scalet@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-862