Dominoeffekt, wenn Gas versiegt

Markt / 05.05.2022 • 22:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Noch fließt Gas nach Österreich - doch im Falle eines Stopps sieht sich die Wirtschaft vor gefährlichem Blackout. Reuters
Noch fließt Gas nach Österreich – doch im Falle eines Stopps sieht sich die Wirtschaft vor gefährlichem Blackout. Reuters

Ein Gaslieferstopp würde auch Vorarlbergs Wirtschaft hart treffen. Fahrplan gefordert.

Wien, Schwarzach Der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Harald Mahrer, hat Energieministerin Leonore Gewessler wegen der aktuellen Krisenpolitik massiv angegriffen. Es gebe keine Szenarien, auch würden laut dem Interessenvertreter die Sozialpartner in diesem wichtigen Bereich außen vorgelassen. Gewessler wehrt sich, man sei seit Wochen und Monaten „sehr intensiv im Austausch mit Unternehmern“, um auf Notfallszenarien vorbereitet zu sein. Doch auch Franz Schellhorn, Direktor der Denkfabrik Agenda Austria, bläst in dasselbe Horn wie Mahrer. Im Gegensatz zu Deutschland fehle in Österreich die rote Linie, was zu tun sei, wenn das Gas tatsächlich abgeschaltet wird.

Arbeitsplätze in Gefahr

Die Experten der Agenda Austria haben selbst drei Szenarien ausgearbeitet, wie sich ein Ende der Gaslieferungen auf die österreichische Wirtschaft auswirken könnte. Im schlechtesten Fall koste das 17 Milliarden Euro und 80.000 Arbeitsplätze, auch in Vorarlberg wären davon tausende Arbeitsplätze in energieintensiven Betrieben, aber auch in Firmen, die auf Zulieferung aus solchen Branchen angewiesen sind, betroffen.

Ein Szenario, vor dem sich auch die Vorarlberger Industrie fürchtet: „Wenn das passiert, dann haben wir einen echten Blackout“, beschreibt Hubert Marte, Vorstandsvorsitzender des größten Vorarlberger Gasverbrauchers, der Firma Rondo Ganahl, eine düstere Zukunft. Man tappe im Dunkeln, bestätigt auch Marte, es gebe keinen Fahrplan. Auch vom Energieministerium sei man bislang nicht kontaktiert worden.  Gerade habe man zusammen mit Firmen, die von Rondo mit Verpackungen beliefert werden, E-Control kontaktiert mit dem Wunsch, im Falle eines Lieferstopps zumindest so lange wie möglich beliefert zu werden, denn die Belieferung mit Lebensmitteln sei systemrelevant. Wenn die Russen ernst machen oder die EU einen Lieferstopp verfügt, dann müsse die Produktion eingestellt werden. Marte spricht wie die Agenda Austria von einem zu erwartenden Dominoeffekt.

Agenda-Austria-Energieexperte Jan Kluge macht nicht nur auf die fatale Abhängigkeit Österreichs aufmerksam, er verweist auch darauf, dass es bislang keine Pläne für ein LNG-Lager bzw. einen Terminal in Österreich gebe. Bis ein solcher Terminal für verflüssigtes Erdgas einsatzbereit ist, vergehen bis zu drei Jahre. Kurzfristig müsse man auf die Solidarität der anderen EU-Länder hoffen, dass diese auch Gas an Österreich liefern. Weniger problematisch sieht Agenda Austria das Ölembargo für Russland. Das bedeute zwar, dass Erdöl teurer wird, aber es gebe auf jeden Fall genug im Gegensatz zum Gas.

Alternativen im Visier

Öl wäre auch eine Alternative, wenn auch eine ungeliebte, weil teuer und mit einem niedrigeren Wirkungsgrad. Doch grundsätzlich arbeiten Industrieunternehmen wie Julius Blum und Rondo daran, möglichst auf Alternativenergien umzusteigen. „Unabhängig davon arbeiten wir bereits länger an Alternativen, um in den nächsten Jahren komplett auf fossile Brennstoffe verzichten zu können. Zum Thema Wasserstoff laufen beispielsweise schon interne Machbarkeitsstudien und Erhebungen“, informiert Blum-Geschäftsführer Philipp Blum. VN-sca

„Wir haben bei der Beschaffung nicht mitreden können, jetzt soll die Politik das regeln.“

Wir konnten niemals mitreden bei der Gasversorgung. Spätestens nach Anektierung der Krim hätte man beginnen müssen, Alternativen aufzubauen, es geht nicht, dass wir jetzt die Leidtragenden sind. Hubert Marte, CEO Rondo-Ganahl

Wir konnten niemals mitreden bei der Gasversorgung. Spätestens nach Anektierung der Krim hätte man beginnen müssen, Alternativen aufzubauen, es geht nicht, dass wir jetzt die Leidtragenden sind. Hubert Marte, CEO Rondo-Ganahl

Österreich stolpert durch die Gaskrise. Deutschland hingegen hat ein klares Programm, der grüne Wirtschaftsminister zeigt, wie man jetzt abseits von Ideologie agieren muss. Franz Schellhorn, Dir. Agenda Austria

Österreich stolpert durch die Gaskrise. Deutschland hingegen hat ein klares Programm, der grüne Wirtschaftsminister zeigt, wie man jetzt abseits von Ideologie agieren muss. Franz Schellhorn, Dir. Agenda Austria

Als produzierendes Unternehmen sind wir Teil einer langen und internationalen Lieferkette. Eine seriöse Aussage, an welchem Punkt ein Gaslieferstopp zuerst Auswirkungen zeigen würde, ist heute nicht möglich. Philipp Blum, GF Blum

Als produzierendes Unternehmen sind wir Teil einer langen und internationalen Lieferkette. Eine seriöse Aussage, an welchem Punkt ein Gaslieferstopp zuerst Auswirkungen zeigen würde, ist heute nicht möglich. Philipp Blum, GF Blum