Börsentipp: Der Krieg und die Finanzmärkte

Stefan Bruckbauer (UniCredit Bank Austria) über Energiepreise, Inflation und Zinsen.
Wien Der nun schon fast zwei Monate andauernde Konflikt im Nahen Osten hat neben den starken Auswirkungen auf die Energiepreise auch Einfluss auf andere Teile der Wirtschaft, nicht zuletzt auf die Finanzmärkte. Allerdings sind diese Effekte, anders als auf den Energiemärkten, jedenfalls bisher erstaunlich gering. Zwar fielen viele Aktienindizes zu Beginn des Krieges – so verlor der Weltaktienindex, gerechnet in Euro, im Verlauf des März 6 Prozent an Wert und die Aktien im Euroraum sogar 10 Prozent. Im Verlauf des Aprils erholten sich die Märkte jedoch wieder und sind nun kaum niedriger bewertet als vor Beginn des Krieges bzw. teilweise sogar höher. Dies bedeutet gleichzeitig, der Wert der weltweiten Aktien ist heute rund ein Drittel höher als vor einem Jahr, im Euroraum rund ein Viertel höher.
Auch in der Vergangenheit zeigte sich zuletzt, anders als beim ersten Ölpreisschock 1973, als der US-Aktienmarkt rund ein Drittel nachgab, dass starke Ölpreisanstiege durch kriegerische Handlungen im Nahen Osten nur mehr wenig Auswirkungen auf die Finanzmärkte, allen voran die Aktienmärkte, haben.
Teilweise ist dies auch das Ergebnis einer Weltwirtschaft, die weniger von fossiler Energie abhängig ist als noch vor fünfzig Jahren. So benötigt die EU heute fast halb so viel Energie pro einer Mrd. BIP wie noch vor dreißig Jahren. Auch sind die Aktienmärkte derzeit von allen Aspekten rund um das Thema künstliche Intelligenz bestimmt.
Zudem spielt natürlich die Erwartung eine Rolle, dass der Konflikt und damit seine negativen Folgen auf die Energiepreise in absehbarer Zeit beendet werden. Zwar wird nicht erwartet, dass dies schon in den nächsten Wochen geschieht, aber Wettmärkte sehen eine 70-prozentige Chance eines Friedens bis Ende Juni. So liegt auch der Preis für Öl und Gas zur Lieferung in einem halben Jahr lediglich zwanzig bzw. zehn Prozent über dem Preis vom April 2025.
Etwas differenzierter ist die Auswirkung auf die Zinsen, etwa in Europa. Die langfristigen Zinsen sind seit Beginn des Krieges um 0,3 Prozentpunkte gestiegen und dürften vorläufig auch nicht wieder zurückgehen. Wir gehen auch davon aus, dass die EZB, anders als im Jahr 2022, als sie zuwartete, bis die Inflation fast neun Prozent erreichte, bis sie erstmals die Zinsen erhöhte, dieses Mal wesentlich früher reagieren wird.
Bleiben die Energiepreise in den nächsten Monaten in etwa so hoch wie derzeit, wovon wir aktuell ausgehen, so wird sich die Inflation im Euroraum wohl den drei Prozent nähern und die EZB die Zinsen im Juni erstmals erhöhen. Gehen die Energiepreise auch über den Sommer noch nicht erkennbar zurück, könnte wohl eine zweite Erhöhung im Herbst folgen. Mehr Zinsanstieg sehen wir jedoch derzeit nicht. Auch könnte bei rückläufiger Inflation im nächsten Jahr ein Zinsschritt nach unten folgen.
Allerdings sind alle Prognosen derzeit von enormer Unsicherheit behaftet und die Risiken sind hoch, dass die Märkte hinsichtlich eines Endes des Krieges zu optimistisch sind. Tendenziell sind es aber andere Themen wie KI oder die neue US-Politik, die stärkeren Einfluss auf die Aktienmärkte zu haben scheinen.