Gerhard Fehr: “Hitze macht uns nicht nur müde, sie verändert unser Denken und Fühlen”

Markt / 26.06.2026 • 11:00 Uhr
Gerhard Fehr: "Hitze macht uns nicht nur müde, sie verändert unser Denken und Fühlen"
Gerhard Fehr ist angewandter Verhaltensökonom und Delegierter des Verwaltungsrats von FehrAdvice & Partners AG. FA

Die VN fragen den angewandten Verhaltensökonomen Gerhard Fehr: drei Fragen, drei Antworten dazu, was die Hitze für die Menschen und ihre Entscheidungen bedeutet.

Während die Temperaturen Richtung 40 Grad klettern, lohnt ein Blick darauf, was die Hitze mit uns macht – weit über das Schwitzen hinaus. Was verändert grosse Hitze in uns – jenseits des Körpers?

Mehr, als wir glauben. Hitze macht uns nicht nur müde, sie verändert unser Denken und Fühlen. Studien zeigen, dass unsere Konzentrations- und Lernfähigkeit bei Hitze messbar sinkt – Schülerinnen und Schüler schneiden in heissen Phasen schlechter ab. Gleichzeitig steigt die psychische Belastung: An besonders heissen Tagen nehmen psychiatrische Notfälle nachweislich zu. Und drittens werden wir reizbarer – die Forschung findet weltweit einen robusten Zusammenhang zwischen Hitze und aggressivem Verhalten.

Warum unterschätzen wir diese Gefahr – und wen trifft sie am härtesten?

Weil Hitze sich “normal” anfühlt: Wir spüren die Unannehmlichkeit sofort, die eigentlichen Folgen – schlechtere Entscheidungen, mehr Konflikte, gesundheitliche Risiken – bleiben unsichtbar und werden verdrängt. Dazu kommt: Die Last ist ungleich verteilt. Wer in einer kühlbaren Wohnung lebt, kommt glimpflich davon; wer keine hat, trägt die Folgen – ältere Menschen und einkommensschwache Haushalte zuerst. Hitze ist damit auch eine Frage der Fairness.

Was können wir tun – als Einzelne und als Gesellschaft?

Die gute Nachricht: Anpassung wirkt nachweislich. Kühlung – ob Klimatisierung, Beschattung oder kühle Räume – dämpft die messbaren Schäden deutlich. Als Einzelne hilft es, den Tag bewusst um die Hitze herum zu planen und in den heissen Stunden keine wichtigen Entscheidungen zu erzwingen. Als Gesellschaft sollten wir vor allem den Zugang zu Kühlung dort sichern, wo er fehlt – in Schulen, Pflegeheimen und bei jenen, die ihn sich nicht leisten können. Nicht Appelle ändern Verhalten, sondern eine Umgebung, die das Richtige leicht macht.