«Protest wird für viele Wähler zum eigentlichen Motiv»

Die VN fragen den angewandten Verhaltensökonomen Gerhard Fehr: Drei Fragen, drei Antworten dazu, warum derzeit viele Österreicher einen politischen Wechsel wollen.
Warum unterstützen derzeit mehr als 35 Prozent der Österreicher die FPÖ?
Menschen wählen selten nur aufgrund von Sachthemen. Oft entscheiden Emotionen wie Unsicherheit, Kontrollverlust oder Frustration. Viele haben derzeit das Gefühl, dass sich Wirtschaft, Migration und Inflation ihrer Kontrolle entziehen. In solchen Situationen gewinnen Politiker an Zustimmung, die einfache Botschaften, klare Schuldige und schnelle Lösungen anbieten. Herbert Kickl vermittelt Entschlossenheit und Klarheit – unabhängig davon, ob seine Lösungen realistisch sind. Verhaltensökonomische Studien zeigen: Menschen unter Druck reagieren stärker emotional und weniger differenziert. Wer das Gefühl hat, von etablierten Parteien nicht gehört zu werden, wählt häufiger jene, die sich als Gegenmodell zum «System» präsentieren. Protest wird damit für viele Wähler zum eigentlichen Motiv.
Wenn man sieht, was Politiker wie Trump, Orbán oder Putin verursachen – warum wünschen sich trotzdem viele Menschen ähnliche Politiker?
Menschen bewerten Politiker oft nicht nach langfristigen Folgen, sondern danach, ob sie kurzfristig Stärke und Ordnung vermitteln. Was weit weg passiert, wirkt abstrakt – eine Schlagzeile aus Washington oder Moskau bleibt fern. Was eine FPÖ verspricht, klingt konkret und nah: ein Stopp bei der Migration, mehr Sicherheit im Alltag, weniger Belehrung von oben. Genau diese Nähe entscheidet, nicht die ferne Warnung. Zudem verblasst Erfahrung schneller, als man meint. Auch in Österreich hat eine FPÖ-Regierungsbeteiligung um die Jahrtausendwende zu internationalen Spannungen geführt – heute spielt das in der Wahrnehmung kaum mehr eine Rolle. Hinzu kommt: Polarisierende Politiker dominieren Medien und soziale Netzwerke. Wer am lautesten spricht, wirkt schnell auch am entschlossensten. Aufmerksamkeit wird so leicht mit Kompetenz verwechselt.
Was müsste passieren, damit das Vertrauen in die politische Mitte wieder steigt?
Menschen verlieren Vertrauen schrittweise. Wenn Probleme wie Teuerung, Migration oder Wohnen über Jahre ungelöst bleiben, wächst die Bereitschaft, radikale Alternativen auszuprobieren. Die politische Mitte unterschätzt, wie wichtig Glaubwürdigkeit und emotionale Nähe geworden sind. Menschen wollen spüren, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. Vertrauen entsteht weniger durch grosse Reformversprechen als durch viele kleine, eingehaltene Zusagen. Damit verbunden sind strategische Fragen: Wie reduzieren wir die steuerliche Belastung der Bürger? Wie wird die öffentliche Verwaltung zukunftsfähig, ohne grösser zu werden? Wie bauen wir unpraktische Regulierung ab? Funktionierende Verwaltung im Alltag – eine Behörde, die antwortet, ein Bauantrag, der zügig bearbeitet wird, eine Schule, die Lehrer hat – wirkt stärker als jede Festrede. Wer nur erklärt, warum etwas schwierig ist, verliert gegen jene, die den Eindruck vermitteln, handeln zu wollen. Die entscheidende Frage wird sein, ob die demokratische Mitte beweisen kann, dass auch sie hier liefern kann und die Bürger dies wahrnehmen – obwohl der Handlungsspielraum heute viel kleiner geworden ist.