Beim Gärtnern blühen ihre Klienten auf

Menschen / 14.07.2021 • 18:13 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Marga Böhler wird derzeit von der Praktikantin Naina Moghal unterstützt. VN/Steurer
Marga Böhler wird derzeit von der Praktikantin Naina Moghal unterstützt. VN/Steurer

Marga Böhler, Pflegerin mit Herz, liebt die Natur und die Menschen, besonders jene, die es schwer haben.

Wolfurt Wurzeln und Flügel – sinnbildlich sind das die wichtigsten Dinge, die Eltern ihren Kindern mitgeben können. Marga Böhler hatte Glück. Ihren Eltern gelang dieses Kunststück. Die 43-Jährige wuchs mit fünf Geschwistern auf einem Bergbauernhof in Egg auf. Früh musste das Mädchen auf dem elterlichen Hof mithelfen. Auch auf der Alpe war sein Einsatz alljährlich gefragt, 15 Jahre lang. Marga schaute aufs Vieh und sammelte nebenher mit Begeisterung Blumen. „Die habe ich dann trocknen lassen.“ Auf der Alpe begegnete ihr die Schönheit der Natur auf Schritt und Tritt. Das Älplerkind genoss die Sonnenaufgänge und -untergänge, den Tanz der Wolken am Himmel, den Sommerwind, der ihm liebkosend durchs Haar strich, den Anblick der saftigen Bergweiden, die Gerüche, die es umwehten, den Blick ins ferne Tal und auf die Berggipfel. Kurzum: Das Mädchen entdeckte in der rauen Bergwelt die Schönheit des Lebens bzw. des Daseins. Aber es lernte dort auch dessen Widrigkeiten kennen und damit umzugehen, mit Unfällen, Krankheiten, Gewitterstürmen, Dauerregen, Schnee und Kälte. Marga wuchs zu einer lebensbejahenden Frau heran, die in sich die Gewissheit trug, dass das Leben trotz Widrigkeiten schön ist. Wegen eines Schicksalsschlages innerhalb der Familie kam sie von ihrem langgehegten Berufswunsch Floristin ab und ergriff stattdessen einen helfenden Beruf. „Als ich 15 Jahre alt war, erkrankte mein jüngerer Bruder an Knochenkrebs. Er kämpfte drei Jahre. Dann starb er“, erzählt Marga, die sich nach dem Tod des Bruders zur psychiatrischen Krankenschwester ausbilden ließ.

Patienten nie in Schublade gesteckt

Nach dem Schulabschluss arbeitete die Wälderin drei Jahre auf der Akut-Station des Landeskrankenhauses Rankweil (Valduna), betreute also Menschen in Ausnahmesituationen. „Mir war wichtig, die Patienten so anzunehmen, wie sie gerade sind. Mir war klar, dass es einen Grund gab, dass sie in der Krise sind, dass belastende Lebensereignisse diese verursacht haben. Irgendwann werden langandauernde Belastungen jedem Menschen zu viel. Die einen reagieren mit körperlichen Symptomen, die anderen mit psychischen. Wir können uns nicht aussuchen, wo unsere Schwachstelle ist.“ Mit diesem Verständnis war es ihr möglich, auch schwierige Akut-Situationen zu bewältigen. Die Krankenschwester machte nie den Fehler, ihre Patienten in eine Schublade zu stecken und sie auf die Diagnose zu reduzieren. Denn: „Diese Menschen sind nicht nur krank. Sie haben auch ganz viele gesunde Anteile.“ Ihre Patienten ringen Marga Respekt ab.  „Man wundert sich und staunt, dass sie den Widrigkeiten des Lebens standhalten, obwohl sie als Kind oft keine guten Erfahrungen gemacht haben.“ Die Krankenpflegerin, die im Jahr 2017 zur „Pflegerin mit Herz“ gekürt wurde, würde sich wünschen, „dass diese Menschen mehr Anerkennung und Chancen bekommen, damit sie zeigen können, was in ihnen steckt“. Und es steckt viel in ihnen. „Oft haben sie eine große Widerstandskraft aufgebaut. Krisen machen ja auch stark und resilient.“ 

Beruflich voll angekommen

Als im Jahr 2003 im LKH Rankweil die Jugendpsychiatrie eröffnet wurde, wechselte Marga in die neue Abteilung. Die Arbeit mit Jugendlichen gefiel ihr so gut, dass sie dort 14 Jahre lang tätig war. „Ich konnte mit den jungen Leuten viel unternehmen, unter anderem ging ich mit ihnen klettern. Die Aktivitäten taten ihnen gut. Es ist wichtig, mit ihnen alltägliche Dinge zu tun, damit sie die Kraft bekommen, es allein zu machen.“ Deshalb sei es wichtig, „dass es Berufsgruppen gibt, die mit Menschen mit Psychiatrieerfahrung im Alltag Normalität leben“. Und genau das macht Marga in ihrem jetzigen Job. 2017 suchte Pro Mente Vorarlberg – die Einrichtung bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen ambulante Begleitung an, Krisenhilfe, WG-Betreuung und tagesstrukturierende Angebote  –  eine(n) MitarbeiterIn für sein Tageszentrum in Bregenz. Marga bewarb sich erfolgreich und weitete das Gartenprojekt „Naturwerkstatt“ aus. Die Pflegerin, die sich kürzlich zur Expertin für Gartentherapie ausbilden ließ, gärtnert seit vier Jahren mit psychatrieerfahrenen Menschen, derzeit in der Stadtgärtnerei Bregenz. Ihre Erfahrung fasst sie so zusammen: „Menschen, die sich jahrelang zurückgezogen haben, blühen beim Gärtnern auf.“ Nicht nur die Natur wirke sich positiv auf ihr Befinden aus, sondern auch die Arbeit. „Sie bekommen wieder das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Marga fühlt sich beruflich voll angekommen. „Jetzt ist es für mich perfekt. Denn in diesem Job kann ich meine Liebe zur Natur und zu Menschen, die es schwer haben, leben.“ VN-kum

„Ich habe die Patienten nie in eine Schublade gesteckt oder sie auf die Diagnose reduziert.“

Marga Böhler mit ihrer Familie, ihrem Mann Klaus und ihren Söhnen Lorenz und Oskar.

Marga Böhler mit ihrer Familie, ihrem Mann Klaus und ihren Söhnen Lorenz und Oskar.

Marga Böhler gärtnert mit Klienten in der Stadtgärtnerei Bregenz.

Marga Böhler gärtnert mit Klienten in der Stadtgärtnerei Bregenz.

Zur Person

Marga Böhler

findet ihre Arbeit sehr sinnstiftend, „weil ich am Abend weiß, dass ich das, was ich heute gemacht habe, nicht nur für mich, sondern für andere getan habe“.

Geboren 21. November 1977

Wohnort Wolfurt

Familie verheiratet mit Klaus, Söhne Lorenz (13) und Oskar (11)

Hobbys Garten, Volleyball, Klettern