„Ich bin reich an Menschen“

Mit 99 wurde Klara Niedermair Ururgroßmutter und freut sich über ihre große Familie.
Dornbirn Jeden Abend nimmt sich Klara Niedermair Zeit für ihre Familie. Sie spricht ein Gebet, besprengt symbolisch jedes Familienmitglied mit Weihwasser – und denkt an alle, die zu ihr gehören. Seit Kurzem hat dieser Kreis Zuwachs bekommen: Mit der Geburt der kleinen Leonie ist die 99-Jährige stolze Ururgroßmutter geworden. „Ich fühle mich super und denke gar nicht über mein Alter nach“, sagt sie. „Ich bin dankbar und stolz auf meine Familie.“

Oft umgezogen, selten geklagt – und nie aufgegeben: Klara Niedermair hat ein Leben geführt, das von Brüchen, Neubeginn und großer innerer Stärke geprägt ist. „Nit lugg lo“, sagt die bald 100-Jährige noch immer. Aufgeben war für sie nie eine Option.

Bewegtes Leben
Geboren wurde Klara Niedermair am 15. April 1926 als Clara Pörnbacher im Südtiroler Pustertal. Sie wuchs als jüngstes von zehn überlebenden Kindern in einfachen Verhältnissen auf. Früh war das Leben von Arbeit und Veränderung bestimmt: Der Vater arbeitete als Knecht, die Familie zog mehrmals um. In die Schule ging Klara in Bruneck – unter italienischer Schulpflicht, Deutsch war verboten. Den Vater sah Klara als Kind nicht oft. Er arbeitete auf einer Alpe und besuchte seine Familie nur einmal im Monat.

Nach Volksschule und Hauptschule wurde Klara mit 14 Jahren ausgeschult und arbeitete zunächst im Kindergarten. Der Wunsch nach Ausbildung führte sie nach Innsbruck – doch dort wurden ihr an der Grenze die persönlichen Dokumente abgenommen, sie blieb ohne Papiere und musste als Haushaltshilfe arbeiten. Heimfahrten nach Südtirol waren nur heimlich möglich. 1943 kam sie auf Vermittlung ihrer Nichte erstmals nach Dornbirn, arbeitete bei Hämmerle in der Großküche und lebte im Mädchenheim. Nähen und Handarbeiten wurden in dieser Zeit zu einer lebenslangen Leidenschaft.

Glückliche Ehe
1946 lernte sie Heinrich Niedermair kennen, 1947 heiratete das Paar. Es folgten Jahre mit mehreren Umzügen zwischen Innsbruck, Bruneck und Meran. Mit den drei ersten Töchtern Rita, Brigitte und Rosemarie zog die junge Familie Ende der 1950er Jahre zurück nach Dornbirn. 1961 fand die mittlerweile siebenköpfige Familie – inzwischen waren die Töchter Margit und Ingrid geboren worden – in der Rohrbacher Siedlung eine dauerhafte Heimat. Dort lebte Klara Niedermair bis zum Tod ihres Mannes 1981.

Schwere Schicksalsschläge blieben nicht aus: 1963 verlor Klara Niedermair ihre vierjährige Tochter Margit bei einem Unfall, wenig später ein ungeborenes Kind. „Diese Angst um die Familie ist geblieben“, sagt sie rückblickend. Mit der Geburt der jüngsten Tochter Astrid 1966 kehrte wieder Freude im Hause Niedermair ein. Nach dem Tod ihres Mannes mit nur 59 Jahren musste Klara erneut umziehen und zog mit der jüngsten Tochter in eine kleine Wohnung.
Große Dankbarkeit
Trotz allem blickt sie dankbar auf ihr Leben zurück. Sie blieb aktiv, arbeitete, hielt die Familie zusammen und bewahrte sich ihren Humor. Reisen holte sie erst spät nach – nach Spanien, Italien, Slowenien, Norwegen und London. „Wir haben es oft schwer gehabt, aber auch viel Schönes erlebt“, sagt sie.

Seit September 2024 lebt Klara Niedermair im Pflegeheim. „Ich bin vielleicht nicht reich an Geld“, sagt sie, „aber reich an Menschen.“ Ob es ein Rezept dafür gibt, im hohen Alter geistig so fit zu bleiben? Klara Niedermair muss nicht lange überlegen: „Meine Kinder, Enkel, Urenkel und meine Ururenkelin halten mich fit. Außerdem lebe ich gesund, esse moderat und bleibe immer in Bewegung.“ Für das Jahr 2026 wünscht sie sich vor allem eines: Gesundheit – für sich selbst und ihre Familie.
Zur Person
Klara Niedermair
Geboren 15.04.1926
Wohnort Dornbirn
Familie 10 Enkel, 19 Urenkel, 1 Ururenkel
Hobbies Handarbeit, Familie

