Kaiserin Sisi und ihr Vorarlberger Medizinmann

Kaiser Franz Joseph I. sorgt mit seinem Leibarzt für eine „Schnurre“.
Wien Hofarzt Joseph Kerzl stattet dem Kaiser täglich einen Besuch ab, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen. Der erfreut sich jedoch bester Gesundheit und so ist es für den Kaiser eine willkommene Unterhaltung. Eines Tages wird der Hofarzt vom Kammerdiener Eugen Ketterl abgewiesen: „Majestät bedauern lebhaft, Sie heute nicht empfangen zu können. Majestät fühlen sich nämlich nicht sehr gut und bittet Sie daher, erst morgen wieder zu kommen.“
Heute halten sich die europäischen Royals über ihre Krankheiten sehr bedeckt. Kaum jemand, der sich mit seinem eigenen Leibarzt rühmt. Dabei könnte es so manchem Arzt zu Berühmtheit verhelfen, wie ein Beispiel aus Vorarlberg zeigt.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Unsere Kaiserin Sisi wurde auf der ganzen Welt ob ihrer Schönheit bewundert. Ihren Körper überwacht sie mit eiserner Kontrolle. Zweimal am Tag steht sie auf die Waage. Ihre täglichen Turnübungen sind so legendär wie ihre Wespentaille. Rheuma, Ischias- und Gelenkschmerzen plagen sie.
Und dann trifft sie Ludwig Seeger. In Thüringen geboren, ist er als Landarzt ab 1856 in Ludesch tätig. Dann übersiedelt er nach Wien, wo er sich einen größeren Wirkungskreis als Heilgymnastiker erhofft. Doch Gerüchten zufolge legt sich der auch als Dichter tätige Arzt mit seinen Gedichten mit den Spießbürgern und auch der Kirche an. Es folgt die Vertreibung aus der Provinz.

Er gehört zu den Vorreitern der Elektromedizin, die zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckt. Ab den 1860er Jahren baut er im Wiener Krankenhaus auf der Wieden eine eigene Abteilung auf. In der orthopädischen Gymnastik gilt er als einer der Pioniere – er betreibt sogar eine eigene Einrichtung im noblen ersten Wiener Bezirk. Der Geld- und Geburtsadel zählt zu seiner Klientel. Auch Kaiserin Elisabeth hält sich mit den von Seeger entwickelten Trainingsgeräten fit und folgt gehorsam seinen Übungsanweisungen.
Sein einziger Gedichtband „Net lugg lo“ reiht ihn in die erste Reihe der frühen Mundart-Dichter. Und mit „Gibile Gäbile Rechazah, s’Wib isch Meister und net dr Ma“ hat Dr. Ludwig Seeger vor allem bei der männlichen Bevölkerung für großes Aufsehen gesorgt. Die Gedenktafel an seinem früheren Wohnhaus in Ludesch erinnert an einen aufmüpfigen Lebensreformer, der seiner Zeit weit voraus war.
Lisbeth Bischoff ist Adelsexpertin und lebt in Dornbirn