Das schwierige Erbe von Hermann Gmeiner

Kultur / 17.02.2026 • 12:44 Uhr
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Die Kulturmeile Alberschwende und der Familienverband Alberschwende laden zur Inszenierung des Romans „Die Summe des Ganzen“ ein.Benjamin Koeck

Theaterstück „Die Summe des Ganzen“, Podiumsdiskussion und “Landesgeschichte im Gespräch“.

Alberschwende Die Diskussion um das Erbe des Ehrenbürgers Hermann Gmeiner bewegt Alberschwende seit Monaten. Zwischen dem Ruf nach einem „Schwamm darüber“ und der Forderung, sämtliche Erinnerungszeichen unverzüglich zu entfernen, steht eine verunsicherte Gemeinde, die um Haltung ringt. Nun soll ein anderer Zugang versucht werden: Die Kulturmeile Alberschwende und der Familienverband Alberschwende laden am Samstag, 28. Februar, um 19.30 Uhr in die Kulturscheune Mesmers Stall zur Inszenierung des Romans „Die Summe des Ganzen“ von Steven Uhly. Im Anschluss an die Aufführung ist eine Podiumsdiskussion geplant.

ABD0031_20251023 – WIEN – …STERREICH: ++ ARCHIVBILD ++ ZU APA0077 VOM 23.10.2025 – Gegen den 1986 verstorbenen GrŸnder der SOS-Kinderdšrfer, Hermann Gmeiner, gibt es schwere MissbrauchsvorwŸrfe. Wie die Organisation der APA sagte, steht der GrŸnder im Verdacht, an zumindest acht minderjŠhrigen Burschen “sexuelle Gewalt und Misshandlungen” ausgeŸbt zu haben. Im Bild: Undatiertes Archivbild von Hermann […]
Gegen den 1986 verstorbenen Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, gibt es schwere Missbrauchsvorwürfe. APA/DPA

Der Roman und seine Bühnenfassung setzen sich eindringlich mit sexuellen Missbrauchserfahrungen, Machtstrukturen und der Manipulation von Minderjährigen auseinander. Das Stück führt in Lebensrealitäten, die oft verdrängt und tabuisiert werden, und eröffnet einen emotionalen, zugleich reflektierten Zugang zu einem gesellschaftlich hochsensiblen Thema. Es geht um Abhängigkeiten, um Schweigen, um die zerstörerische Dynamik von Autorität und Vertrauen und um die Spuren, die Übergriffe im Leben Betroffener hinterlassen. Für Alberschwende besitzt diese Auseinandersetzung besondere Relevanz. Hintergrund sind die Missbrauchsvorwürfe rund um den Gründer des SOS-Kinderdorfes, Hermann Gmeiner, Ehrenbürger der Gemeinde, ebenso wie aktuelle Vorwürfe in mehreren SOS-Kinderdörfern in Österreich und international. Die Entwicklungen werfen Fragen auf, die bis heute nicht verstummt sind. Wie geht eine Gemeinde mit einem schwierigen historischen Erbe um? Welche Verantwortung trägt sie gegenüber Betroffenen? Und wie ist mit Denkmälern und Namensgebungen öffentlicher Gebäude umzugehen, wenn das Bild einer Person brüchig geworden ist?

Raum für Erfahrungen

Das Theater kann diese Fragen nicht beantworten. Doch es kann einen Rahmen schaffen, in dem sie neu gestellt werden dürfen. Die Veranstalter verstehen die Aufführung als Versuch, jenen Menschen eine Stimme zu geben, die oft über Jahrzehnte geschwiegen haben. Scham, Schuldgefühle, mangelnder Selbstwert und fehlende gesellschaftliche Anerkennung führen nicht selten dazu, dass Betroffene lange keinen Raum für ihre Erfahrungen finden. Kunst kann einen solchen Raum öffnen, ohne zu überfordern. Die anschließende Podiumsdiskussion will die künstlerische Auseinandersetzung vertiefen und unterschiedliche Perspektiven zusammenführen. Dabei steht das Theater als geschützter Reflexionsraum im Mittelpunkt: Kunst ermöglicht einen emotionalen Zugang, der sensibel und doch klar ist, besonders bei Themen wie sexualisierter Gewalt. Zugleich wird die lokale Betroffenheit nicht ausgeblendet. Gemeinden mit historischer oder aktueller Nähe zu institutionellem Missbrauch tragen Verantwortung für Aufarbeitung und Dialog. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Prävention durch Bewusstseinsbildung. Offene Gespräche stärken Zivilcourage, fördern das Erkennen von Warnsignalen und senken die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen. Im Zentrum soll dabei ein opferzentrierter Perspektivwechsel stehen: Nicht institutionelle Interessen, sondern die Erfahrungen der Betroffenen bilden den Ausgangspunkt.

Das schwierige Erbe von Hermann Gmeiner
Der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber spricht über „Dem Schweigen verpflichtet – Die Schattenseiten von SOS-Kinderdorf“.richard sonderegger

Bereits eine Woche zuvor wird die Thematik im Rahmen der Reihe „freitags um 5 – Landesgeschichte im Gespräch“ vertieft. Unter dem Titel „Dem Schweigen verpflichtet – Die Schattenseiten von SOS-Kinderdorf“ spricht am Freitag, 20. Februar von 17 bis 18.30 Uhr der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber. Schon 2012 hatte SOS-Kinderdorf ihn mit einer wissenschaftlichen Studie zu den Erziehungspraktiken in den österreichischen Einrichtungen der 1950er- bis 1990er-Jahre beauftragt. Sein Fazit fiel deutlich aus: Kinder und Jugendliche erfuhren Gewalt, Missbrauch und Verletzungen, während innerhalb der Organisation systematisch weggeschaut wurde, um den guten Ruf nicht zu gefährden. Schreiber analysiert die strukturellen Ursachen dieser Gewalt und ordnet die jüngsten Entwicklungen innerhalb der Organisation historisch ein.